Animationsfilme sind doch diese Filme mit den herzig aussehenden Tieren und lustigen Stimmen, oder? Nicht wenn man sich die Langfilme im Programm des diesjährigen Animationsfilmfestivals Fantoche genauer ansieht. Von den insgesamt 24 Langfilmen, die zurzeit in Baden zu sehen sind, befassen sich gut 6 von ihnen mit konkret historischen und politischen Ereignissen. Sie blicken tief in die Abgründe der menschlichen Seele und befassen sich mit einigen der schlimmsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.

«The Breadwinner» von Nora Twomey spielt etwa in Afghanistan, als es Ende der 1990er-Jahre von den extremistischen Taliban regiert wird. Der Vater der elfjährigen Pravana sitzt in Haft und der Familie fehlt ein Einkommen, da Frauen nicht arbeiten dürfen. Also schneidet sich Pravana die Haare ab und gibt sich fortan als Junge aus. Die Zürcher Filmemacherin Anja Kofmel hingegen setzt ihren Film «Chris the Swiss» im Jugoslawienkrieg an. Sie begibt sich auf die Spuren ihres Cousins Chris, der sich 1992 in Kroatien als Journalist einer internationalen Söldnertruppe anschliesst und nicht mehr lebend zurückkehrt.

«Chris the Swiss» - Trailer (Deutsch)

Anja Kofmels (*1982) Film wurde unter anderem am Filmfestival von Cannes gezeigt. Ab 13. September ist er offiziell im Kino zu sehen. 

Diese Filme sind weit weg von sprechenden Fischen und singenden Prinzessinnen. «Bei Animationsfilmen denkt jeder automatisch an Kinderfilme», sagt der französische Regisseur Denis Do. Sein Animationsfilm «Funan» wurde diesen Sommer mit dem Hauptpreis in Annecy ausgezeichnet, dem prestigeträchtigsten Animationsfilmfestival, und ist der Eröffnungsfilm von Fantoche. «Ich will aber keine Märchen verfilmen. In meinem Film wollte ich das menschliche Wesen innerhalb eines repressiven Systems erkunden.»

Das Schicksal einer Familie

«Funan» beginnt mit der Machtübernahme der Roten Khmer in Kambodscha 1975. Das Regime von Pol Pot setzt seine Vorstellungen eines kommunistischen Bauernstaats mit aller Härte durch und deportiert Millionen von Menschen zur Zwangsarbeit. Unter den Menschen befinden sich auch Khuon (Louis Garrel), seine Ehefrau Chou (Bérénice Bejo) und ihr kleiner Sohn Sovanh. Auf dem «langen Marsch» von der Hauptstadt zu den Feldern wird Sovanh mit seiner Grossmutter vom Rest der Familie getrennt. Der Film folgt über mehrere Jahre dem Schicksal der Familie und wie sie unter Hunger und der Gewalt des Regimes leidet.

Es ist eine Geschichte, die Regisseur Denis Do seit Kindesbeinen an kennt. Der in Paris geborene Sohn von kambodschanischen Einwanderern baute seinen Film auf Erzählungen seiner Mutter auf, die das Regime der Roten Khmer selber erlebt hat. «Ich bin von klein auf mit ihren Geschichten über die Roten Khmer aufgewachsen. Sie sagte geradeheraus: ‹Deine Grosseltern sind alle tot›», so der Filmemacher. Später als Teenager begann Do Unmengen an Literatur und Augenzeugenberichten zu verschlingen. Er habe sich stets geschworen, dass er das alles eines Tages aufarbeiten werde. Vielleicht mit einem Buch oder einem Comic. Je länger, je mehr habe er aber gemerkt, dass ihm ein Buch nicht genügte: «Ich wollte komplett in die Geschichte eintauchen.» Als Animator sei es daher selbstverständlich gewesen, dass er sich den Inhalt der Geschichte schliesslich als Animationsfilm vorstellte.

«Funan» Original Trailer (Französisch)

«Funan» erzählt die Geschichte einer Familie unter dem Regime der Roten Khmer in Kambodscha 1975.

Die Schreckensherrschaft von Pol Pot und der Roten Khmer geht einher mit dem Genozid ihrer eigenen Bevölkerung. Schätzungen zufolge starben etwa 2 Millionen Menschen durch Hinrichtung, Zwangsarbeit und Hunger. Abgesehen von einer Ausnahme, verzichtet «Funan» jedoch darauf, die Gewalt des Regimes explizit darzustellen. Oft geschieht sie ausserhalb des Bildes oder wird nur angedeutet. Zum Beispiel als ein Kind mitten in der Nacht aufwacht und sieht, wie Männer mit Augenbinden in ein Feld abtransportiert werden und nicht zurückkommen. Diese und ähnliche Szenen wirken dafür umso eindrücklicher, weil sich der Zuschauer die Gewalt im Kopf selber ausmalen muss.

Komplexe Realität

So brutal die Auswirkungen des Regimes auch waren und der Regisseur dies auch eindrücklich in seinem Film darstellt, verzichtet Denis Do auf eine einfache Unterteilung in Gut und Böse. Unter den Schergen des Regimes gibt es auch Einzelne, die noch einen letzten Rest Menschlichkeit besitzen. Der Film zeigt damit, dass die Realität oft komplexer ist, als es der erste Blick vermuten lässt. Dies widerspiegelt sich auch im heutigen Kambodscha, wo ehemalige Peiniger und ihre Opfer oft als Nachbarn nebeneinander leben oder sogar zur selben Familie gehören.

Während der langen Produktion des Filmes musste Denis Do sich oft gegenüber Geldgebern und Verleihern rechtfertigen, wieso er statt eines Animationsfilms keinen Realfilm gemacht habe. Ein wichtiger Grund war, dass er im Animationsfilm die Figuren – vor allem seine Mutter – so gestalten konnte, wie er wollte. Aber der eigentliche Grund ist viel einfacher, wie er zugibt: «Mir gefallen einfach Animationsfilme. Ich hoffe, dass Regisseure eines Tages nicht mehr erklären müssen, wieso sie Animations- statt Realfilme machen.»

Fantoche bis 9. September in Baden.