So poppig bunt hat die Villa noch keiner gemalt. Die Fassade wird blau - nicht nur weil sie im Schatten liegt, sondern auch als Kontrast zum Dach, das der Maler partout orange sehen will. Vielleicht so orange, weil der Himmel sich so kitschig blau über allem spannt ... Dass gewisse Fenster violett werden, aus anderen am helllichten Tag buntes Licht leuchtet, das Grün des Rasens mit viel Weiss und Gelb gemischt ist, damit es zur stillsten Fläche des Bildes wird: All das lässt auf einen Farbversessenen schliessen, auf einen Künstler, der gerne poppig auftritt.

Aber, und jetzt muss ein grosses Aber folgen: Ein harmloser Farbfreak, ein oberflächlicher Pop-Maler war hier nicht am Werk. Denn da wartet vorne rechts gespensterhaft ein Frau im Minirock, verborgen unter einem Baum und umnebelt von einer unwirklichen gelben Wolke beobachtet sie die Szene. Dabei wird sie die farblich veränderte Villa Langmatt wohl weniger erstaunen, als das, was sich darüber abspielt. Zwei Figuren fliegen da durch die Luft. Der linke junge Mann scheint wie eine Rakete hochzusteigen, ein Luftzug weht die Jacke nach oben. Beim Mann rechts wissen wir nicht, fliegt oder stürzt er, schlägt er Luft-Purzelbäume oder wirbelt es ihn unfreiwillig durcheinander. Und überhaupt: Was machen die beiden?

Fernwärme statt Familie

Was hier um und über der Villa passiert, wissen wir nicht. Wir wissen es auch bei den anderen Bildern von Norbert Bisky in der Langmatt nicht. Sie knallen uns fröhlich in der Galerie entgegen, selbst die kleinformatigen Papierarbeiten bringen die dunkle, altehrwürdige Bibliothek der Fabrikantenfamilie Brown-Sulzer zum Leuchten. Familien sitzen am Strand, junge Menschen rennen ins Meer, Mutter und Kind lächeln treuherzig aus den Rahmen, junge Männer präsentieren stolz auf ihren Körper ihr Sixpack... Und doch: Was hat der Erhängte am Seil hier zu suchen, welcher Teufel trägt einen Satansbraten statt ein Jesuskindlein im Arm und sind die bunten Stofffetzen, die geifernde Wölfe zerreissen die Überreste von Menschen?

Norbert Bisky (48), international angesagter Maler aus Leipzig, Meisterschüler des brachialen Malers Georg Baselitz, malt die Welt so fröhlich bunt und so brutal wie sie eben ist. Selbst wenn er Fotos aus der Familiengeschichte der Browns und der grossbürgerlichen Vergangenheit der Villa Langmatt in Malerei umsetzt, so entstehen daraus ambivalente, verschlüsselte Puzzles. Glück und Unglück, Nähe und Ferne, ungeschriebene Geschichten und vordergründig Erkennbares pickt er sich heraus, malt da eine Katze weg, da eine Figur hinzu, verquickt es, übersetzt das Schwarz-Weiss in seine knallbunte Sicht und lässt die Farbfetzen fliegen.

Die Schau in der Villa Langmatt segelt zudem noch unter dem Titel «Fernwärme». Das sei nicht physikalisch zu verstehen, erklärt Direktor Markus Stegmann, sondern psychologisch. Er spiele an auf das Thema Familie, das Norbert Bisky hier in seinen widersprüchlichen Facetten und Definitionen aufgreife – auf der Projektionsfläche seines Lebens wie desjenigen der Familie Brown. Die 3000 Fotos, aufgenommen zwischen 1880 und 1975, aus dem Langmatt-Archiv sieht Bisky als «einzigartige Zeitdokumente, Spuren unruhiger Jahrzehnte zwischen Aussenwelt und Daheim in einem grausamen Jahrhundert». Und, typisch Bisky: «Sie scheinen mehr zu transportieren als ursprünglich beabsichtigt.»

Verbannte Impressionisten

Norbert Biskys knallige Grossformate werden in der Galerie der Langmatt gezeigt, sie scheinen den Raum, der für die Impressionisten der Sammlung Brown immer etwas zu gross scheint, gar zu sprengen. Die alten Werke mussten also für die nächsten Monate weichen. Doch die Wanderschaft unter dem Motto «Gegenlicht» tut ihnen gut. Sie erhalten neue Nachbarn und bieten neue Raumerlebnisse: die süssen Renoirs im grünen Gartenzimmer und Monets subtile Eisschollen im Tageslicht der Veranda: fabelhaft. Pissarros «Erbsenleserinnen» oder Cézannes «Badende» auf der geblümten Tapete im Obergeschoss: sie wirken glücklich.

Norbert Bisky, Fernwärme

Gegenlicht Meisterwerke es französischen Impressionismus, Museum Langmatt, Baden, bis 9. Dezember.