Epinay-sur-Orge ist wirklich nicht das, was man als den Nabel der Welt bezeichnen würde. Doch nun ist der gesichtslose Pariser Vorort auf einen Schlag in die nationalen Schlagzeilen geraten. Genauer gesagt seine Metzgerei: Am vergangenen Wochenende wurde sie gegen vier Uhr in der Früh von einem halben Dutzend vermummter Leute angegriffen. Sie warfen Steine ins Schaufenster und sprayten in gelber Farbe: «Stop spécisme» – Halt dem Speziesismus.

Metzgermeister Cédric Neveu versuchte den Tätern vergeblich nachzustellen, nachdem ihn die verdächtigen Geräusche aufgeweckt hatten. Er wusste sofort, was los war: Seit längerem werden in Frankreich immer wieder Metzgereien attackiert und zum Teil verwüstet. Die Graffiti lassen keinen Zweifel zu, dass die Vandalenakte radikalen Veganern zuzuschreiben sind. Sie bezeichnen sich als «Antispeziesisten», das heisst als Kämpfer wider die Diskriminierung einzelner Tierarten (Spezien) durch die fleischverzehrenden Menschen.

Die ersten Attacken lancierten sie in Nordfrankreich im Jahr 2017. Zielscheiben waren nicht nur Metzgereien, sondern auch Fischgeschäfte und Restaurants, die vor allem Fleischgerichte anbieten. In Lyon wurde sogar eine Käserei verschmiert, wobei ein Graffiti lautete: «Milch ist Vergewaltigung.»

Besonders viel Verständnis ernteten diese Aktionen unter den Franzosen mitnichten. Die französische Küche ist nun einmal reich an Fleisch; davon zeugen Speisen wie Filet mignon, Cordon bleu und Lyoner Wurst, aber auch Lammgigot (Keule), Hasenterrinen oder Gänseleber. Diese Delikatessen sind fester Bestandteil der französischen Gastronomie – und damit des Nationalstolzes.

Radikale Antispeziesisten

Im März eröffnete die Justiz zudem ein Strafverfahren gegen eine militante Tierschützerin. Sie hatte nach dem Terroranschlag auf einen Supermarkt bei Carcassonne durch Dschihadisten getwittert, dem dabei getöteten Metzger sei «Gerechtigkeit» widerfahren, da er sich an den Tieren selber wie ein «Mörder» verhalte.

Nun wurde den Franzosen bewusst, wie radikal die Antispeziesisten denken. In den Internetforen werden sie oft als Spinner abgetan, begleitet von der Frage, ob Frankreichs 15 000 Metzgereien bald Polizeischutz bräuchten. Deren sieben wurden im Frühsommer in der Gegend der nordfranzösischen Metropole Lille Ziel neuer Anschläge. Auf die Schaufenster der Metzgereien wurden Beutel mit falschem Blut geworfen. Der Verband der Fleischer und Traiteure (CFBCT) protestierte dagegen, dass «einige Individuen Terror säen», und appellierte an Innenminister Gérard Collomb. Nach einem Treffen im Innenministerium liess er den besorgten Metzgern Hilfe und Schutz zusagen, auch wenn er keine konkreten Massnahmen ergriff. Alle Beteiligten setzten darauf, dass sich die Lage an der Fleischfront über den Sommer vielleicht von selbst beruhigen würde.

Der neue Anschlag auf die «Boucherie» (Metzgerei) in Epinay-sur-Orge macht diese Hoffnung zunichte. Der «Fleischkrieg», wie er längst genannt wird, geht nach der Sommerpause weiter. Die Antispeziesisten dürften nicht sehr zahlreich sein. Ihre Sympathisanten verweisen aber darauf, dass Frankreich seit der Revolution von 1789 eine ausgesprochene Konfliktkultur aufweise; wer etwas erreichen wolle, komme nur mit spektakulären Methoden zum Ziel.

Tierschützer kritisieren Attacken

Allerdings distanzieren sich selbst kompromisslose Tierschützer von den Attacken auf die Metzgereien. Diese Gewaltakte leisteten der ganzen Bewegung einen schlechten Dienst, meint etwa die Vereinigung L214, die gegen die Tötung von täglich drei Millionen Tieren in Frankreich kämpft und sich mit Video-Enthüllungen aus Schlachthöfen einen Namen gemacht hat. Das Vorgehen der Antispeziesisten sei zwar verfehlt, stelle aber auch eine Reaktion gegen die mächtige Lobby der Rinderzüchter und Jäger dar. Die habe erst vergangene Woche durchgesetzt, dass ein Veganer-Festival in der nordfranzösischen Stadt Calais im letzten Moment abgesagt worden sei.

Zwischen den Fronten eingekeilt, nehmen in Frankreich allerdings immer mehr Wirte und Köche Rücksicht auf die neuen veganischen Sitten. Kaum ein Feinschmeckerlokal führt in Frankreich heute noch eine Menükarte ohne fleischloses Gericht. Neue und oft sehr kreative Angebote – wie sogar ein Camembert ohne Milch – bereichern die Gastronomie im ganzen Land.

Auch die attackierte Metzgerei in Epinay-sur-Orge bietet, was die Antispeziesisten wohl nicht wussten, Veganer-Steaks an. «Jeder soll essen können, was er will», erklärte ihr Chef Cédric Neveu. Am ersten Öffnungstag nach der Attacke kamen mehr Kunden als sonst in sein Geschäft – um aus Solidarität mit dem Metzger besonders viel Fleischwaren zu kaufen.