Karin Kneissl ist in der Verhaberungsfalle. Im Österreichischen bedeutet «Verhaberung» eine Form der Netzwerkbildung, die darauf beruht, dass man sich Komplimente macht, stets auf «Bussi-Bussi» tut und peinliche Geheimnisse bewahrt. Der österreichische Nationaldichter Franz Grillparzer hat dazu Folgendes gereimt: «Halt dich entfernt, teil dich nicht jedem mit. Und flieh die Schwätzer, Lungrer, Schmecker. Sieh nur, es ist ein kleiner Schritt: vom Teller- bis zum Speichel-Lecker.»

Die Einladung an den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin an die eigene Hochzeit, das Hofieren, das Tänzchen und vor allem der Knicks der österreichischen Aussenministerin könnte als Lehrbeispiel für «Verhaberung» dienen. Dabei fällt auf, dass Karin Kneissl die Medienarbeit dem russischen Präsidenten und seinen PR-Bediensteten des Portals «Russia Today» überliess und diese versuchten, die Veranstaltung als Eigenwerbung und Demonstration dafür einzusetzen, dass Putin und sein autoritäres Regime im Westen gar nicht so isoliert sei.

Mehrere Politiker forderten am Montag den Rücktritt von Kneissl, die parteilos ist, aber von der rechtskonservativen FPÖ nominiert wurde. Auch die Presse spart nicht mit Kritik. «Als Aussenministerin ist Kneissl seit dem Kniefall vom Samstag eigentlich untragbar», schrieb der liberale Standard. Die SPÖ-Delegationsleiterin im Europaparlament, Evelyn Regner, sprach von «einer Provokation mit europäischer Dimension».

EU-Vorsitz beschädigt?

Für viele liberale und linke Beobachter steht fest: Die Einladung an Putin sendete ein Signal an alle jene Staaten in Europa, die mit Russland ernsthafte Interessenskonflikte austragen: Auf Österreich als Vermittler kann man nicht mehr zählen. Die EU-Ratspräsidentschaft sei damit ernsthaft beschädigt, die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit verloren.

Manche Österreicher stört das weniger als die Kosten, die die Hochzeit auslöste: Der enorme Polizeischutz für Putin wird nämlich dem Steuerzahler verrechnet.