Der Clash ist programmiert. Emmanuel Macron hatte die osteuropäischen Staaten schon 2017 belehrt, die EU sei «kein Supermarkt»: Man könne nicht einfach auswählen, was man wolle, und die unbeliebten Aufgaben wie etwa die Flüchtlingsaufnahme einfach anderen überlassen.

Ende Juli erfolgte das Echo aus Budapest. In einem Interview mit der «Bild»-Zeitung griff Viktor Orbán die «liberalen Eliten» in Brüssel an und warnte die Deutschen: «Es gibt ein französisches Konzept, das im Kern bedeutet: Französische EU-Führung, bezahlt durch deutsches Geld.»

Macron wandte sich darauf aus der Sommerpause gegen die «unerhörte Gewalt gegen Europa und seine Werte», zu hören von einem Politiker, der «die Immigration ablehnt und dem Nationalismus folgt».

Fazit: «In seinen (Orbáns) Aussagen sieht man sehr gut die Bruchlinien durch Europa.» Mitte Woche lobte sein Regierungssprecher im Nachgang die kollektive Lösung von sechs EU-Staaten mit Deutschland und Frankreich für das Rettungsschiff Aquarius: «Das ist das Bündnis der Fortschrittlichen.»

Sie nutzen sich im Wahlkampf

Ohne es offen zu sagen, eröffnen Macron und Orbán mit ihrem Schlagabtausch die Kampagne für die Europawahlen von kommendem Mai. Beide sehen in ihrem Widerpart einen idealen politischen Gegner. Macron verkörpert für Orbán alles, was er selbst in Europa ablehnt – Liberalismus, Offenheit und eine vertiefte EU-Integration.

Der französische Präsident lehnt die nationalkonservativen Ideen des ungarischen Premiers aus Überzeugung ab, sieht aber in ihnen auch ein wahltaktisches Mittel, politische Verbündete hinter sich zu bringen. Er will im Europaparlament mit Vertretern der zentrumsliberalen ALDE und anderen Alliierten eine Fraktion bilden. Sie soll sich neben der konservativen EVP und den Sozialdemokraten, die heute zusammen über 400 der 751 Abgeordneten stellen, als dritter Block etablieren.

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In Paris bezweifeln allerdings viele, dass Macron seinen innenpolitischen Coup von 2017, der ihn ins Élysée brachte, auf europäischer Ebene wiederholen kann. In der französischen Hauptstadt gerät er selber mehr und mehr in die Defensive: Das Wirtschaftswachstum – im ersten Halbjahr gerade noch 0,4 Prozent – gerät ins Stocken, und damit auch die politische Dynamik des jungen Staatschefs.

In einer neuen Umfrage von Donnerstag glauben nur noch 53 Prozent (minus 7 Prozent) der Franzosen, der grosse Reformer im Élysée sei «fähig, das Land zu reformieren». Ebenso viele sind «enttäuscht» von Macron, und 80 Prozent (plus 7 Prozent) finden ihn «autoritär».

Auch deshalb bekundet der 40-jährige Präsident Mühe, andere Parteien als seine Bewegung «La République en marche» (LRM) hinter sich zu einen und landesweit eine breite Europawahlliste auf die Beine zu stellen. Die Zentrumsdemokraten (UDI) zieren sich, und auch die konservativen Überläufer um Ex-Premier Alain Juppé (Agir) spielen neuerdings mit dem Gedanken, eine eigene Liste zu bilden.

Macron pflegt zwar auch enge Kontakte zu Sozialdemokraten wie dem Spanier Pedro Sanchez oder dem Italiener Matteo Renzi. Damit will er zweifellos den massiven Zulauf von Mittelinks in den französischen Präsidentschaftswahlen 2019 wiederholen. Doch im Europaparlament gelten andere Gesetze, wirkt Macrons Charme und Argumentation nicht gleich.

Wahlkampfreise durch Europa

Macron weiss, dass er bei den Europawahlen weniger gute Karten hat als im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Um im Strassburger Parlament eine breite Allianz bilden zu können, muss er sich im Wahlkampf zum Hauptgegner Orbáns stilisieren, so wie er 2017 in Paris als Herausforderer der Ultranationalistin Marine Le Pen angetreten war. Dieser sehr politische Positionsbezug ist auch jetzt noch – und wohl europaweit – mehrheitsfähig.

Nachdem er seit seiner Wahl schon 20 EU-Staaten aufgesucht hat, reist der französische Präsident nächste Woche nach Dänemark und Finnland. Seine Tour d’Europe trägt bereits klare Akzente des Europawahlkampfes. Bei jeder Station spricht Macron bewusst Themen wie Migration, Freihandel und Russland an – Themen, bei denen er und Orbán nicht gegensätzlichere Positionen vertreten könnten.