Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Knochenarbeit. Auf den Knien mit Spachtel, und mit «Schüfeli und Bäseli» dringen die 16 Mitarbeiter der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt auf 500 Quadratmetern Schicht um Schicht in die Basler Vergangenheit ein. Auffallend sind die Staubsauger zwischen den staubigen Überresten: «Der Staubsauger ist für uns ein wichtiges Instrument. Er erlaubt uns, fein zu arbeiten und immer wieder gut auf die Oberfläche zu sehen, welche wir freilegen», erklärt Archäologe Simon Graber.

Während Graber zusammen mit seinem Kollegen Sven Billo und Kantonsarchäologen Guido Lassau über die Grabung informieren, stehen sie auf der obersten Schicht mit klar erkennbaren Fundamenten und Entwässerungskanälen. «Wir sehen hier das Haus zum Brunnen», erklärt Sven Billo. «Es ist um 1400 urkundlich nachgewiesen und war eine Trinkstube der Hohen Stube. Die Hohe Stube stellte mit vier Rittern und acht Burgern den Rat, der zusammen mit dem Bischof die Stadt regierte.» Die von Sandsteinquadern durchsetzten losen Fundamente markieren also eines der wichtigsten politischen Zentren des alten Basel. «Hier empfing man 1501 anlässlich des Eintritts Basels in die Eidgenossenschaft die Ehrengäste zum Festgelage», so Billo. Das Haus diente später als Badeanstalt und wurde 1937 abgerissen und vergessen.

Der Basler Adel wird fassbar

Diesen Teil Basels dem Vergessen zu entreissen ist die Mission der Archäologen. «Wir sind hier in der Talstadt, die um 1080 von Bischof Burkhard ummauert wurde. Damals wurde dieses Areal in die Stadt Basel integriert. Das Gebiet war aber schon vorher bewohnt. Es war geprägt von Gewerbe. Das florierende Gewerbe führte zur Herausbildung des Adels der um 1200 in der Umgebung gut fassbar wird», erklärt Kantonsarchäologe Guido Lassau. Auf den Adel verweist auch die Spielezugfigur eines Ritters aus dem 14. Jahrhundert.

Simon Graber ergänzt: «Die Grabung ist nicht nur lokal, sondern auch international bedeutend. Beim Bau des Spiegelhofes fand man viele Holzreste, grosse Balken, die sich wegen des Feuchtbodens ebenso erhielten, wie Lederreste.» Leder ist auch jetzt zum Vorschein gekommen: «Wir fanden einen handwerklichen Betrieb, eine Gerberei. Aufgrund der Befunde können wir sehr gut rekonstruieren, wie man damals Leder hergestellt und verarbeitet hat. Wir fanden hier auch zirka 900 Jahre alte Schuhreste, wie sie schon in den 1930er Jahren zu hunderten gefunden wurden», so Lassau.

Die Lederproduktion sei sogar aus spätrömischer Zeit nachgewiesen. Ob es aber eine kontinuierliche Besiedlung seit der Spätantike gibt, sei ungewiss. «Wir konnten die Befunde der dreissiger Jahre bestätigen. Was zu unserem Leidwesen nicht mehr so vorhanden ist, ist das Holz. Es ist in den oberen Schichten stark vergangen. Wir hoffen auf eine bessere Erhaltung in den unteren Schichten.

Durch die Neubauten der 1930er-Jahre wurde in den Feuchtigkeitshaushalt des Hanges eingegriffen. Das Holz hat sich dadurch nicht erhalten», so Lassau. Neu seien auch die Erkenntnisse der neuen Disziplin der Archäobiologie der Mitarbeiter des «Instituts für Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie» (IPNA) der Uni Basel. Sie stürzen sich auf die Erde, welche die klassischen Archäologen übrig lassen, sieben und analysieren sie.

So gibt Holzkohle Auskunft über das Klima und die Art des Baumbestandes um das Jahr 1000. Nachgewiesen wurden Überreste von Kleinnagetieren, wie etwa Mäusen. Knochenfragmente von Hühnern, Enten, Geissen, Rindern und Schafen verweisen auf einen reichhaltigen Speiseplan. Versteinerter Hundekot verweist auf das Vorhandensein der Hunde. Hingegen sind Schweine fast abwesend.

Dafür finden sich grosse Mengen diverser Getreidesorten, von Himbeeren, Brombeeren, Holunder, Walnüssen und Haselnüssen. Speziell sei auch die grosse Menge an Überresten von Fischen, so von Lachs, Karpfen und Hecht. Eine echte Überraschung war der Fund von gesalzenem Hering. Dieser musste von der Nordsee her rheinaufwärts importiert werden, was von den weiten Handelsbeziehungen Basels schon im 11. Jahrhundert zeugt.

Wieso aber war der Spiegelhof vor tausend Jahren überhaupt so wichtig? Guido Lassau erklärt: «Es ist wirtschaftlich ein hochattraktiver Ort. Wir haben die Nähe zum Rhein. Dann haben wir das Wasser des Birsig, das gewerblich hervorragend nutzbar ist. Und dazu kommen die Quellen in der Hanglage. Diese drei Faktoren lassen es ideal erscheinen, sich hier anzusiedeln.» Die Grabung dauert noch bis Ende Jahr.