Nein, hier war nicht Franz Hohler am Werk. Aber genau so muss sich die Rückeroberung in seinem gleichnamigen Klassiker anfühlen: In der Turnhalle Klingental hat die Natur übernommen. Ganz anders, als man zu Beginn gedacht hat. Richtig begreifen wird man das aber erst am Schluss.

Jetzt ist es erst einmal ganz simpel: eine Turnhalle, gefüllt mit Topfpflanzen. Einer riesigen Auswahl von Topfpflanzen, aufwendig zusammengetragen vom Genfer Tänzer Fabrice Mazliah und dem Frankfurter Kollektiv Mamaza. Was so urherzig wie eine mütterliche Waldgöttin klingt, dass man sofort weiss: Das hier ist eine gute Sache. Hinzu kommen die Geräusche: Eine 24-Stunden-Komposition aus Gezirpe, Gezwitscher, Gewitter, Bonobos und anderem Getier, zusammengeschnitten aus Dutzenden von Naturaufnahmen.

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Die Pflanzen gehören Bewohnern Basels, die sich auf Fabrices Aufruf hin (We need your Topfpflanze!) gemeldet haben und ihre Garten- und Zimmerpflanzen in die Obhut von Mamaza gaben, für die Dauer des Theaterfestivals, von dem dieser «Garden State» ein Programmpunkt ist.

Wobei «Programmpunkt» diesem Organismus nicht gerecht wird: Es gibt Konzerte, botanische Führungen, Filmabende, Vorträge, Yogastunden und – als krönenden Abschluss – Schlafen unter dem Blätterdach. Bevor aber der Nachtportier in Aktion tritt, muss Florianne Koechlin noch die Story mit den Pilzfäden erzählen.

Das Internet unter den Füssen

Koechlin ist eine Basler Biologin, kommenden Dienstag erscheint ihr neues Buch. Sie erzählt darin unter anderem, wie Pflanzen untereinander kommunizieren. «Ihr müsst euch vorstellen», sagt sie jetzt, «das ist, als hättet ihr das Internet unter den Füssen!» Die Rede ist vom Wald, und wie Bäume durch ein unterirdisches Geflecht an Pilzfäden miteinander kommunizieren.

Es ist nämlich keineswegs so, dass Bäume einfach einsam in der Gegend rumstehen. Sie sind alle miteinander verbunden und helfen sich gegenseitig, machen Platz für die Sonne, tauschen Nährstoffe und Informationen aus. Die Buche ist von einem Schädling betroffen? Schnell die andere Buche informieren, damit sie früh genug reagieren kann! «Wenn ihr im Wald steht, befindet ihr euch in einem riesigen Netzwerk – und ihr seid integraler Teil davon.» Florianne Koechlin lächelt. Ist Mamaza die mütterliche Waldgöttin, so ist sie die kluge Lehrerin.

Nach dem Vortrag wird die Bühne für ein Konzert freigegeben. Die Basler Verena und Lautaro Weinmann machen zusammen mit dem Audiodesigner Arev Imer elektronische Musik, die hervorragend in das bunte Lichtkonzept der Turnhalle passt (stimmt: Es gibt Pflanzen, es gibt Sound, und es gibt auch sanftes Licht, das sich langsam zwischen Rot und Blau bewegt, eine poetische Verneigung vor dem Sonnen- und Mondlicht, das draussen unbemerkt seine Arbeit verrichtet).

Eine Weile später fängt das Filmprogramm an. Eine grosse Leinwand ist aufgestellt, gezeigt wird «Teatro de Guerra», ein Film der argentinischen Künstlerin Lola Arias, die ein paar Tage zuvor am Theaterfestival ihr Stück «Campo Minado» gezeigt hat. Die Ausgangslage ist dieselbe wie im Theaterstück: Veteranen des Falklandkriegs verarbeiten ihre Erinnerung. Durch Nach-Erzählung und Re-Inszenierung. Ein schmerzhaftes, stellenweise auch ulkiges Zurückversetzen, das unaufdringlich die Sinnlosigkeit dieses Kriegs aufzeigt – und mit ihr die Möglichkeiten einer Heilung.

Auftritt Nachtpriester

In gewissem Sinne heilend ist dann auch die letzte Veranstaltung des Abends. Der Basler Nachtforscher Michel Massmünster ist zu Besuch und erzählt eine Gutenachtgeschichte, die mehr inspirierte Nachtpredigt als klassisches Märchen ist: Massmünster wählt Stellen aus bayrischen Sagen, nachtwandlerischen Romanen und Basler Geschichtsbüchern und kombiniert sie mit seinem Fachwissen um die Nacht und deren Bedeutung für die Gesellschaft. Wenn Koechlin die Lehrerin war, dann ist er heute der Priester.

Um Punkt Mitternacht wird schliesslich der Nachtportier hineingerufen: Theaterregisseur Marcel Schwald meldet sich zum Dienst, schleppt Matten und Kissen herum, zeigt den Weg zur Toilette, bereitet den Nachttrunk vor. Die Gäste können derweil die Pflanzen auf rollenden Untersätzen herumschieben, um sich eigene grüne Höhlen zu bauen.

Als man wohlig umgeben von Farn, Oleander, Feige, Steckenpalme und sogar einem kleinen Tamarindenbäumchen aus dem Kleinbasel (die Pflanzen sind sorgfältig mit Besitzer und Wohnort beschriftet) auf dem Schlafsack liegt, kommt Schwald vorbei und schenkt Ingwer-Zitronen-Schnaps und Rosmarin-Lavendel-Bitter aus.

Selbstgemacht von der Tänzerin Tanja Baumgartner, sagt er, und bleibt noch ein paar Minuten, um zu plaudern. Der Organismus hier – und das ist die wohl wichtigste Erkenntnis aus dem Gartenstaat – besteht nicht nur aus Pflanzen. Es sind die vielen Menschen, die diesen Ort zu einer Gemeinschaft machen. Das ist die wahre Kunst der Natur: In ihr findet man zusammen, in ihr findet man zueinander. Ein riesiges Netzwerk und wir als integraler Bestandteil. So muss eine Rückeroberung aussehen.