Bei der Fachhochschule Nordwestschweiz steigt die Nervosität. Ab Montag nehmen 3700 Studierende sowie 800 Dozierende und Mitarbeitende den Muttenzer Campus in Beschlag – es ist der jüngste und grösste Bau des Hochschulverbunds. Wie fast immer bei Neubauten gibts auch bei ihm noch Arbeiten auf den letzten Drücker.

Eine Ausbesserung wird aber auch auf den Eröffnungstag hin nicht fertig: Die «Entschärfung» der Brüstungen im viergeschossigen Atrium. Die Wandscheiben aus Beton sind rund 30 Zentimeter breit, bieten sich als Abstellfläche also geradezu an – für Personen im Erdgeschoss könnte das schmerzhafte Folgen haben. Etwa dann, wenn sie von einer vollen Pet-Flasche getroffen werden, die aus Versehen herunter gestossen wurde. Oder von einem Laptop.

So sieht der neue FHNW-Campus in Muttenz aus

Dem Sicherheitsbeauftragten des Campus Muttenz fiel der Missstand auf. Er meldete seine Bedenken dem Kanton, das Hochbauamt als Bauherr handelte rasch. Die Brüstungen auf allen drei Obergeschossen des Atriums hin erhalten abgeschrägte Aufsätze. Wird auf ihnen etwa eine Pet-Flasche abgestellt, kippt sie um, in Gegenrichtung zum Atrium – die Gefahr ist gebannt.

«Deckel» aus Naturstein-Band

Beim FHNW-Neubau in Muttenz handelt es sich aber nicht um irgendein Gebäude, und so dauert auch diese Korrektur etwas länger. Rund 300 Millionen Franken kostete das 65-Meter hohe Gebäude aus Sichtbeton, Glas, Stahl und Eichenholz. Auch im Innern sind edle Materialien verbaut. Für die Aufsätze wollte die FHNW keine 08/15-Lösung gelten lassen. Die Brüstungen erhalten nun «Kronen» aus einem konisch geschnittenen Natursteinband, die Aufsätze gleichen Rotorblättern von Helikoptern. Dominik Ehrsam, Sprecher der FHNW, schreibt der bz: «Mit der Wahl des Natursteins wird ein bereits im Gebäude vorkommendes Material wieder aufgriffen, welches auch bezüglich Haptik und Langlebigkeit überzeugen kann.»

Die 1:1-Bemusterung in Holz zur Formfindung habe bereits stattgefunden, schreibt Ehrsam. «Bis zum 14. September sollen die Angebote eingeholt werden.» Da der Naturstein einige Wochen Lieferzeit beansprucht, kommen die Aufsätze wohl erst Mitte Oktober in Muttenz an. Das Hochbauamt Basel-Landschaft geht davon aus, dass die «Deckel» spätestens am 22. Oktober fertig installiert sind – dann steigt die grosse Einweihungsfeier.

Günstig ist die gewählte Lösung nicht. Das Hochbauamt geht von Kosten im fünfstelligen Frankenbereich aus. Eine konkrete Zahl wollte der stellvertretende Kantonsarchitekt Marco Fabrizi gestern nicht nennen. Es lägen noch keine Angebote vor, schreibt Fabrizi, «zudem sollten die Anbieter in der Preisbildung nicht beeinfluss werden.»

Das Campus-Gebäude hiess in der Planungsphase «Kubuk». Es ging 2011 als Siegerprojekt aus einem Wettbewerb hervor. Für den ausgeführten Bau zeichnen Pool Architekten aus Zürich und die Takt Baumanagement AG verantwortlich. Der Neubau zählt zwölf Ober- und zwei Unterschosse. Zum Raumangebot gehören Aula, Mensa, Bibliothek, Seminarräume, Werkstätten, Ateliers, Büros, Labors, zwei Sporthallen und 16 Hörsäle.

22 Standorte unter einem Dach

In den vergangenen zehn Jahren hat die FHNW drei neue Haupt-Standorte eingeweiht – einen pro Trägerkanton. Zu denen gehören, neben den beiden Basel, auch Solothurn und Aargau. Es sind die Campus-Anlagen in Brugg-Windisch, Olten sowie die im Herbst 2014 bezogene Hochschule für Gestaltung und Kunst auf dem Dreispitz-Areal.

Der neue FHNW-Campus Muttenz nimmt fünf Hochschulen auf, die bisher an 22 Standorten verteilt waren. Es sind die Hochschulen für Architektur, Bau und Geomatik, für Life Sciences, für Soziale Arbeit, die Pädagogische Hochschule sowie der trinationale Studiengang Mechatronik der Hochschule für Technik.

Waren bei einem Rundgang der bz im Juli noch etliche Stellen im Campus-Gebäude noch nicht fertig, sei das jetzt ganz anders, sagt Ehrsam. «Wir sind im Zeitplan. Es sind zwar noch einige Handwerker unterwegs, welche letzte Stellen ausbessern oder kleinere Mängel beheben. Der FHNW-Campus Muttenz ist aber bereit für den Ansturm der Studierenden – wir freuen uns, das Gebäude nun ab nächster Woche im Vollbetrieb zu erleben.»

Ehrsam legt Wert auf die Feststellung, dass die Brüstungen auch ohne Aufsätze sämtlichen Normen des Schweizerischen Ingenieurs- und Architektenvereins SIA genügen. «Wir sind selber zum Fazit gekommen, dass die Stellen heikel sein könnten und haben präventiv gehandelt.»