Frau Müller, hat der heisse und trockene Sommer einen Einfluss auf die anstehende Pilzsaison?

Catherine Müller: Einige Pilzsorten leiden sicher, weil auch die Bäume leiden. Andere werden vom Überangebot an Biomasse profitieren. Im Juni hat die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft neuste Erkenntnisse veröffentlicht über den Einfluss der Luftverschmutzung auf die Pilze im Boden, die Waldbäumen Mineralstoffe liefern. Ähnlich der Luftverschmutzung beeinflusst auch die Trockenheit die Form der Symbiose von Pilz und Baum ungünstig. Die Pilze können wegen der Trockenheit weniger Mineralstoffe und Wasser abgeben, im Gegenzug erhalten sie von Bäumen weniger oder gar keinen Zucker. In Gegenden, wo es in den vergangenen Wochen vereinzelt geregnet hat, gibt es Steinpilze, Fliegenpilze oder Eierschwämme, eben Arten, die mit Bäumen in einer Symbiose stehen. Wo der Regen ausgeblieben ist, sind die Wälder wie leergefegt.

Bei welchen Sorten hat es heuer besonders viele oder speziell wenige Pilze?

Die Totentrompeten muss man tatsächlich gut suchen, vielleicht gibt es noch ein paar. Schon vergangenes Jahr sprossen nur wenige. Parasolpilze zeigen sich hingegen in Massen. Sammler kommen gleich mit randvollen Körben zur Kontrolle. Doch die Artenvielfalt ist nicht wahnsinnig, einige Arten fehlen fast gänzlich. Die beliebtesten Speisepilze sind noch rar. Wenn es regnet, kann sich dies aber schnell ändern.

Wann ist die beste Zeit zum Pilze sammeln?

Wenn alle Faktoren stimmen, vor allem Feuchtigkeit und Wärme, dann August bis Oktober. Wenn man durch den Wald geht, kann man darauf zählen: Wo das Moos wieder so richtig grün ist, an solchen Orten finden sich Pilze. Dort läuft was im Boden, denn was wir normalerweise als Pilz bezeichnen, ist nur der Fruchtkörper. Diese haben noch einen unterirdischen Teil, das sogenannten Pilz Mycel, ein watteartiges, fädiges Geflecht, das im Boden, Holz oder anderen Substraten lebt.

Schonzeiten sind kantonal und kommunal geregelt. Im Baselbiet gibt es keine besonderen Bestimmungen. Weshalb?

Es gibt bestimmt Kantone, in denen solche Bestimmungen sinnvoll erscheinen. Ich denke da an den Pilztourismus in einigen Bergkantonen. Ich persönlich fände es angebracht, wenn die Menge begrenzt würde, was in unserem Kanton nicht der Fall ist. Der Pilzbestand ist das eine, die armselige Gier das andere. Warum man das Recht haben soll, im Wald möglichst alles an Pilzen abzuräumen, ist nicht ersichtlich.

Wo sich die besten Plätze befinden, ist offenbar das Geheimnis eines jeden Pilzsammlers. Verraten Sie uns trotzdem ein paar Örtchen?

Es hat bei uns Waldstücke, in denen die Bodenbeschaffenheit besonders gut ist. Dazu zählen die Rheinufer beidseitig; der Fluss hat über Jahrtausende besondere Gesteine, Sand und Geröll mitgebracht. Das ermöglicht uns, Pilzarten, die sonst in den Alpen zu Hause sind, auch auf 400 Meter über Meer zu finden. Weshalb auch viele Sammler die Wälder bei Olsberg und Rheinfelden aufsuchen. Aber auch im Ergolztal und in den Frenkentälern gibt es besondere geografische und ökologische Orte. Mein Tipp: Ein Waldstück aussuchen, das in der Nähe des Wohnorts liegt. Pilze sind Standort-treu, auch wenn sie nicht immer zur selben Zeit wachsen. Die Pilzuhr tickt eben anders.

Auf Facebook sind Posts von Leuten zu lesen, die gerne Pilze sammeln möchten, davon aber keine Ahnung haben. Wie sollen diese Personen vorgehen?

Bei einem Pilzverein anklopfen und einen Bestimmungsabend besuchen. Pilze sammeln ist nicht für alle, es braucht viel Geduld, Beobachtungsgabe und Durchhaltevermögen. Lange Zeit hatte man das Gefühl, nur Pensionierte und ältere Leute gingen Pilze sammeln. Nun interessieren sich jedoch immer mehr Jüngere dafür. Das heutige Pilzvolk ist ein anderes als noch vor zwei Jahrzehnten.

Wie gefragt sind Sie als zuständige Pilzkontrolleurin von 13 Baselbieter Gemeinden bei den Pilzsammlern?

Wenn es Pilze hat, erscheinen samstags und sonntags durchschnittlich je etwa zehn Personen zur Kontrolle. Die Quote von Sammlern, die ihr Gut nicht prüfen lassen, liegt im Dunkeln.

Wie gross ist nach Ihren Kontrollen jeweils der Anteil der ungeniessbaren oder giftigen Pilze?

Gewöhnlich sind es eineinhalb bis zwei Kilo, was etwa fünf Prozent des Gesamtgewichts der gesammelten Pilze entspricht. Wenn ein Giftpilz mit essbaren Exemplaren vermischt wird, kann es sein, dass ich das ganze Sammelgut konfiszieren muss. Erfahrene sortieren die Pilze, Anfänger tun dies weniger und haben vermehrt verdorbene Pilze im Korb. Mit Telefonanrufen von Sammlern wegen Übelkeit, nachdem sie unkontrollierte Pilze verzehrt haben, hat leider immer noch jede amtliche Pilzkontrollstelle zu rechnen.