Die Feuersbrunst. Eine Urangst der Menschheit. Gebändigt und unter kontrollierten Bedingungen wie am Chienbäse weicht die reine Angst einer Mischung aus Faszination, Vorsicht und Respekt. In unmittelbarer Nähe des oberen Tores steht die Menschenmenge bereits eine halbe Stunde vor dem Start dicht an dicht und wartet auf die ersten Chienbäse. Den Start machen traditionell Pfyffer-Gruppen. Die Einstimmung klappt, gespannt warten die Schaulustigen. Und als in der Ferne das erste Feuer zu sehen ist, geht das Gejohle los.

Chienbäse 2017

Unser Live-Video des Chienbäse 2017 im Stedtli: Schauen Sie sich nochmals an, wie Liestal am Sonntag brannte.

Ein erster verhaltener Rauchduft liegt sogleich in der Luft. Dort wird er bleiben, wohl noch ein paar Stunden lang. Neben den grossen, über 100 Kilogramm schweren Besen trägt der Chienbäse-Nachwuchs kleinere Versionen. Doch auch ihnen sieht man auf den ersten Blick an: Die Besen sind schwer und ganz offensichtlich heiss. Der Schweiss läuft in Strömen die konzentrierten Gesichtchen hinab. Da und dort eine helfende Hand eines Erwachsenen. Die Besen der Kinder sichernd tragen sie selber brennende Ungetüme auf den Schultern. Offiziell werden 300 Chienbäse angezündet, 17 Wagen passieren das Törli. 150 Feuerwehrleute stehen im Einsatz. Mit Argusaugen wird vor allem das obere Törli beobachtet. Hinter den grossen Feuerwagen wird das Törli wieder gekühlt. Es zischt, eine Wolke Wasserdampf steigt in Richtung Himmel. Das Gebälk raucht.

Es wird gejohlt und getanzt

Die im Laufe des Umzugs immer grösser und mächtiger werdenden Feuerwagen ziehen unbeschreiblich nah an den Menschenmassen vorbei. Köpfe werden zu schützen versucht. Wer vorhin noch mutig in die erste Reihe der Schaulustigen drängte, der versucht nun von der Hitze wegzukommen. Gedrängt steht die Menge.

Ab und an Gejohle, und wenn die Chienbäse-Träger hüpfend vorbeitänzeln, wirds erst richtig laut. Die Funken stieben, einige legen sich auf die Jacken der Schaulustigen. Kleinere Brandmale als Erinnerungsstücke sind in der vordersten Reihe nur schwer zu verhindern. Ganz Tollkühne laufen den Besen hintendrein: Sie brauchen Feuer, um ihre aufgespiessten Würste zu bräteln. Einfacher hat es sich eine Feuerwagengruppe gemacht: Sie haben kurzerhand ihren Wagen zu einem mobilen Grill umfunktioniert. Zwischen den Chienbäse-Gruppen drängen die Menschen auf die Strasse, die Eindrücke müssen festgehalten werden. Die Mutigeren weichen erst zurück, wenn die Hitze der Besen bereits auf der Stirn brennt. Doch dann muss es schnell gehen: Ducken, den Kopf schützen – der Überlebensinstinkt ist noch da, trotz des Drangs, alles festhalten zu müssen.

Parmelin auf Besuch

Nicht nur auf der Strasse suchen sich die Menschen die besten Plätze. Auch in den Fenstern der Altstadt wird das Spektakel auf den Gassen verfolgt. Halt mit etwas mehr Abstand – die Hitze der grössten Feuerwagen dürfte jedoch auch dort gehörig zu spüren gewesen sein. Ebenso in sicherer Entfernung zu den brennenden Besen: Bundesrat Guy Parmelin. Er folgte der Einladung der Stadtregierung und sah vom Café Mühleisen aus, wie die Flammen der Wagen am Törli zu nagen versuchen.

So geht es eineinhalb Stunden lang: Die Menschen johlen, vorbei ziehen die Besen, Funken wirbeln durch den Nachthimmel. Was danach bleibt: eine Glutschicht auf der Strasse, Russ in den Nasen und eine rauchgeschwängerte Stadt Liestal. Und die Gewissheit, die Feuersbrunst auch in diesem Jahr gezügelt zu haben.