Es gab Momente im letzten Jahr, da war es Ignazio Cassis leid, auf seine Herkunft angesprochen zu werden. Als er an seiner ersten Medienkonferenz als Bundesrat gefragt wurde, was er als Italienischsprachiger in den Bundesrat einbringen könne, wurde er ziemlich unwirsch. «Was denken Sie, was könnte Ueli Maurer als Vertreter der Deutschschweiz in den Bundesrat einbringen? Diese Frage stellt niemand. Darum hören Sie auf mit dieser Frage, was ein Tessiner Bundesrat bringt. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Es ist mein gutes Recht, in der Regierung meines Landes vertreten zu sein.»

Inzwischen hat sich Cassis mit seiner Rolle als Tessiner Bundesrat versöhnt. Seine erste Auslandreise führte ihn nach Rom und nicht nach Wien – ein Bruch mit den helvetischen Gepflogenheiten. Er schaffte in seinem Stab eine Stelle für die Beziehungen zur italienischsprachigen Schweiz und zu Italien. Für die Europapolitik zeichnet neu der Tessiner Roberto Balzaretti verantwortlich. Und seine ersten hundert Tage bilanzierte er nicht in Bundesbern, sondern an der Universität in Lugano.

Eine Heerschar von Journalisten begab sich also am Donnerstag mit dem Zug ins Tessin. Die Stimmung war aufgeräumt. Doch die Fahrt von Bern aus dauert halt doch 3 Stunden und 17 Minuten. Kaum war Cassis’ Vorlesung vorbei, waren die Journalisten auch schon wieder weg – um den zweiten Teil der Reise in Angriff zu nehmen. Der SBB-Mitarbeiter im Speisewagen traute seinen Augen kaum, als er sie am Nachmittag auf der Rückreise bereits wieder sah. Beim Apéro, gemäss Einladung eine «Gelegenheit, um leitende Mitarbeitende und Studierende der Universität Lugano kennen zu lernen», blieb Cassis’ Entourage alleine. Sie hatte es nicht so eilig mit der Rückkehr nach Bern – sie reiste im Flugzeug.