Der Homo sapiens kommt bekanntlich aus Ostafrika und ist in all seinen Fähigkeiten für das Überleben in wilder Natur und überschaubaren Gruppen gerüstet. In den heutigen Wohlstandsinseln der westlichen Überflussgesellschaften können die fehlenden existenziellen Herausforderungen allerdings zu übersteigerten Kompensationen führen, zu Empörung und Erregung über alles Mögliche und Unmögliche. Einige Beispiele:

So mussten unsere albanischstämmigen Schweizer Fussballspieler doch tatsächlich nochmals vor der gesamten Presse bedauern, dass sie aus Freude über ihr erfolgreiches Spiel den Doppeladler gezeigt hatten. Die so angeblich provozierten Serben waren aber gar nicht beleidigt und können es auch schlicht nicht sein, weil sie ebenso wie die Russen und viele christlich geprägte Nationen ebenfalls den Vogel im Wappen führen. Er ist das byzantinische Zeichen der Ost- und Westkirche, ein Symbol der Konfrontation mit dem Islam. Albanien und der Kosovo erinnern damit an die Kämpfe ihres Helden Skanderberg gegen die Türken im 15. Jahrhundert und an ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich ab 28. November 1912, ihrem Nationalfeiertag.

Beleidigt könnten allenfalls die Türken sein, was sie aber nicht sind, weil es in den anatolischen Ausgrabungsstätten schon die Vorgänger des Doppelköpfigen gibt, 3000 Jahre alt. Zudem haben sie reale Sorgen, die Wirtschaft stottert, Bekannte sind im Gefängnis und junge Kollegen im Krieg in Syrien, wo sie angeblich Terroristen bekämpfen sollen. Seit der Resolution des Basler Grossen Rates gegen den völkerrechtswidrigen Überfall auf Afrin ist es dazu Still geworden, die 86 von Amnesty International dokumentierten Menschenrechtsverletzungen lösen keine Reaktionen aus.

Stattdessen hat man in Basel für und gegen Name und Symbol der Negro-Guggemusiker geeifert, praktisch unter Ausschluss der nicht-autochthonen Gesellschaft. Diese hat sich, sofern sie von diesem Wirbel im Nabel der Welt überhaupt etwas mitbekommen hat, gewundert und amüsiert. Meine Bekannten aus Afrika fragten, ob diese Fasnachtsmusiker jemanden überfallen hätten, und mein Kollege aus der Karibik fand das Sommerfest der Gugge neben der Clarakirche fröhlich. Ob Name und Symbol dieser Karnevalsfreunde auf die europäische Comic- oder auf die amerikanische Jazzgeschichte zurückgingen, war seine Frage.

Auch zu Chemnitz wurde in der Schweiz demonstriert, als Beitrag zu «Wir sind mehr» gegen «Wir sind das Volk». Da kommt einem Mani Matter in den Sinn, frei interpretiert: «Sie würden die Demokratie und den Rechtsstaat gewinnen, wenn sie so zu gewinnen wären.» Die komplexe Realität verlangt aber anderes – echte Anstrengung. Die (verbliebenen) «Ossis» fühlen sich politisch kolonisiert, von tatsächlicher Partizipation «auf Augenhöhe» ist die diktaturerprobte Bevölkerung noch weitgehend ausgeschlossen, westlicher Moralismus erscheint arrogant. Ohne ehrliche Wertschätzung, Dialogbereitschaft und konkrete Lösungen für örtliche Probleme wirken die Belehrungen kontraproduktiv.

Wozu das führt, zeigt derzeit Schweden. Zu lange war die Selbstsicht überheblich, riesige Glaubwürdigkeits- und Migrationsprobleme holen das Musterland ein, die Xenophoben gewinnen Sympathien. Solches kann und muss mit dauerndem, echtem Engagement für die Mitmenschen und ganz realen Herausforderungen verhindert werden – erst recht in unserer Wohlstandsinsel.