Johann Schneider-Ammann hat mich vor Jahren zum Kaffee eingeladen. Er war damals noch nicht Bundesrat, sondern Nationalrat, sodass wir uns im Café in den Wandelhallen trafen. Der doppelte Espresso war heiss und stark, unser Gespräch erwies sich als anregend. Schneider-Ammann kam auf mich zu als Aktienrechtsexperte, im Hinblick auf einen parlamentarischen Vorstoss zur Entlastung von KMU, der in der Folge indes nicht eingereicht wurde. Trotzdem war ich froh, die Einladung angenommen zu haben, Schneider-Ammann war ein zuvorkommender Gastgeber.

Seither hat er mich nie mehr zum Kaffee eingeladen, und ich frage mich besorgt: Haben die Gastgeberqualitäten von Bundesrat Schneider-Ammann gelitten? Dieser Verdacht entsteht nicht wegen seiner Nichtmehreinladung für mich, sondern Schneider-Ammann hat soeben zwei «Körbe» auf Einladungen zu Gesprächen – und wohl auch zum Kaffee – erhalten, von Bauernseite und von Gewerkschaftsseite. Einerseits hat Bauernchef Markus Ritter eine Einladung zum «Mercosur-Agrar-Gipfel» ausgeschlagen, andererseits lehnte Gewerkschaftschef Paul Rechsteiner ein Gesprächsangebot zum «EU-Rahmenabkommen» ab.

Es müssen drum staatspolitische Fragen beantwortet werden, beispielsweise: Ist beim Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) der angebotene Kaffee wirklich so schlecht? Geht es nicht um schlechten Kaffee, sondern um schlechten Stil der Herren Ritter und Rechsteiner? Stellen solche Gesprächsboykotte den neuen schweizerischen «Politikerstil» dar? Und was ist von dieser Diskussions(verweigerungs)kultur zu halten?

Dass Politiker nicht miteinander reden, ist selten. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel betont bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit: «Der Dialog ist mir wichtig». Der in erster Linie twitternde US-Präsident Donald Trump diskutiert zwar nicht, redet hingegen gern und trifft sich noch lieber, selbst mit Kim Jong Un («Rocket Man»), und auch gegenüber Iran hat er Gesprächsbereitschaft signalisiert. Trump redet also fast mit jedermann; immerhin nicht mit den kritischen Medien à la CNN («Fake News»). Doch die Treffen sind ihm wichtig (Nato-Gipfel, G10, Queen Elizabeth etc.). Liegt es am guten Kaffee?

Die «Drei Affen» symbolisieren mangelhafte Zivilcourage, und das ursprüngliche japanische Motto «mizaru, kikazaru, iwazaru» («nichts sehen, nichts hören, nichts sagen») gilt nicht als Leitstern eines positiven Verhaltens, selbst bei Politikern nicht. Die Kurzgeschichte «Doktor Murkes gesammeltes Schweigen» mag zu Heinrich Bölls Literaturnobelpreis beigetragen haben, erscheint jedoch heute veraltet und altmodisch. Wir leben lieber nach dem Motto: «Reden ist Gold, Schweigen ist Silber» – oder so ähnlich.

Als Professor – und Dekan an der Uni Bern – bin ich ein Profiredner und rede und rede (und rede), teils in Form von Monologen, teils in Dialogen: Vorlesungen, Fragestunden, Tagungsvorträge, «Round Table»-Debatten, Interviews, Ansprachen zur Begrüssung oder zur Verabschiedung, Mitarbeitergespräche etc. Ich habe eine Pflicht zum Reden und zum Diskutieren und nicht das Politikerprivileg, mich politisch daneben zu «benehmen». Ansonsten rede und diskutiere ich, wie wir alle, aus Freude und Interesse.

Mit Reden und Diskutieren können Probleme gelöst werden – oder es lohnt sich, es zu versuchen. Reden kann allenfalls helfen, Trauer zu überwinden oder eine Depression eher in den Griff zu bekommen. Probleme mit dem Chef oder mit Arbeitskollegen? Reden Sie darüber! Probleme mit dem Ehe- oder Lebenspartner? Reden Sie darüber! Miteinander zu reden, löst sicher nicht alle Schwierigkeiten, doch überhaupt nicht zu reden, löst definitiv keine Probleme: «Aussitzen» ist selten eine Option, beruflich oder privat.

Dass die Parlamentarier Ritter und Rechsteiner nicht mit Schneider-Ammann reden wollten, scheint bizarr, denn ihre Politikexistenz geht zurück auf das mittelhochdeutsche «Parlemunt» («Rede» oder «Sprache»). Doch zum Trost: Lieber Herr Bundesrat Schneider-Ammann; ich bin jederzeit gerne bereit, mich mit Ihnen zu treffen, Gesprächsthemen hätten wir viele, etwa «Wirtschaft» oder «Bildung» (ich bin der Dekan der zweitgrössten und besten Juristischen Fakultät der Schweiz) – und sollte der Kaffee beim WBF wirklich so miserabel sein, bringe ich gerne einen Ersatzkaffee in der Thermosflasche mit!

Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.