Wie viele Steine er denn werfen müsse, um beim Muttenzer Gemeinderat den Bau eines neuen Feuerwehrmagazins herauszuschlagen, fragte ein Zyniker am Donnerstag im Internet nach. Andere Reaktionen waren direkter und im Ton wesentlich unfreundlicher: «Eingeknickt» vor dem unbekannten Steinewerfer sei Muttenz, eine Kapitulation vor der Gewalt, oder, «typisch schweizerisch», wie ein Kommentator fand, sei der Weg des geringsten Widerstands genommen worden.

Dass nur zwei Tage nach dem hinterhältigen Anschlag auf die Familiensphäre von EVP-Politiker Thomi Jourdan der Muttenzer Gemeinderat seinen Rückzug aus dem umstrittenen Antennen-Bauprojekt auf dem Hallenbaddach ankündigte, das vermutlich der Auslöser für den Steinwurf auf Jourdans Haus war, ist weitum gar nicht gut angekommen. Gerade bei Gemeinderäten von anderen Ortschaften nicht, die nun befürchten, dass auch bei ihnen das Abschiessen unliebsamer politischer Geschäfte mittels anonymem Steinwurf Schule machen könnte.

Sitzen im Muttenzer Gemeinderat nur Feiglinge? War die Rückzugs-Ankündigung aus dem Mobilfunkgeschäft tatsächlich der Weg des geringsten Widerstands? Zumindest diese Frage lässt sich leicht verneinen. Um wie viel einfacher wäre es gewesen, nach dem Vorfall vom Dienstag den harten Hund zu markieren und gegenüber der Öffentlichkeit die Jetzt-erst-recht-Position «Wir weichen keinen Zentimeter zurück!» einzunehmen. Den durch gemeindeinterne Zwistigkeiten erprobten Exekutivmitgliedern dürfte ausreichend bewusst sein, dass die Gefahr eines Nachahmungstäters jetzt viel grösser ist, als wenn der Gemeinderat nach dem Angriff auf Jourdan seine ursprüngliche Position im Antennen-Streit mit Entschlossenheit verteidigt hätte. Oder er wäre in seiner Stellungnahme gar nicht erst auf den Antennen-Bau eingegangen und hätte es bei der scharfen Verurteilung des Attentats und der Kritik am «zunehmend vergifteten» politischen Klima bewenden lassen. Dagegen hätte so kurz nach dem Steinwurf niemand etwas sagen können.

Doch gerade das wollte – so habe ich den Rückzugsentscheid interpretiert – der Muttenzer Gemeinderat nicht. Er wollte es nicht bei einer papierenen Verurteilung der Tat bewenden lassen, die ebenso leicht ausgesprochen wie vergessen ist. Er wollte seine Betroffenheit mit einem harten politischen Entscheid bekräftigen, der signalisieren soll: Es darf bei der Bevölkerung keine Anspruchshaltung gelten, dass man mit den gewählten Miliz-Behörden beliebig umspringt, beliebig gegen sie intrigiert und selbst dann von ihnen mechanisches Funktionieren erwartet, wenn deren Privatsphäre aufs Schwerste verletzt und die eigene Familie bedroht wird.

Dieses Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit ist zumindest aussergewöhnlich und – ja – auf seine Art mutig. Ob damit aber der beabsichtigte Ruck und ein Umdenken durch die Muttenzer Bevölkerung gehen, ist eine ganz andere Frage. Denn dafür müsste sich zuerst jemand als Täter und Brunnenvergifter angesprochen fühlen. Gerade das dürfte aber erfahrungsgemäss kaum jemand tun. Selbst die Gegner der Sunrise-Mobilfunkantenne konnten sich nach der Stein-Attacke auf Jourdan mit zweifellos reinem Gewissen vom anonymen Täter distanzieren und auf die politische Rechtmässigkeit des eigenen Widerstands hinweisen. Jene, die sonst nie am eigenen Gemeinderat ein gutes Haar lassen, werden auch diesen Entscheid nur negativ bewerten und als weiteren Beweis des Versagens deuten. Es bleibt also abzuwarten, welchen Effekt die Muttenzer Gemeinderäte mit ihrem Rückzug erzielen können.

Zumindest eines ist jedoch gewiss: Sollte jetzt noch irgendjemand auf die saudumme Idee kommen, politische Vorhaben mittels Steinwürfen durchsetzen zu wollen, wird er überall nur auf Härte stossen. Etwas anderes bleibt unseren Gemeindepolitikern gar nicht mehr übrig.