Erwarten Sie nur nicht, dass ich Ihnen sagen kann, wer im Dorfstreit von Thürnen gut und wer böse ist. Ich weiss es nicht; genauso wenig wie vermutlich ein Grossteil der Thürnerinnen und Thürner. Ist der nun abtretende Gemeindepräsident Hansjörg Hänggi tatsächlich jener diktatorische Dorfkönig gewesen, der ohne Rücksicht auf Verluste die Gemeindegelder mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen hat? Oder ist vielmehr Alt-Gemeindepräsident Robert Schneeberger der intrigierende Neider, der lustvoll das Gebot umgeht, sich als Ehemaliger nicht mehr in die laufenden Gemeindegeschäfte einzumischen und Hänggi absichtlich das Amt vermiest? Oder keins von beidem? Oder von allem ein bisschen? Ich weiss es nicht und masse mir als Aussenstehender kein Urteil an.

Prototyp für Dorfkonflikte

Was ich hingegen sicher weiss, ist, dass der Eklat von Thürnen, der diese Woche im Rücktritt von Hänggi gipfelte, viele prototypische Merkmale aufweist, wie solche Konflikte in aller Regel ausgetragen werden. Da sind zwei Personen, Gruppen, Familien oder politische Parteien, die aus irgendwelchen, vielleicht weit zurückreichenden Gründen das Heu nicht auf derselben Bühne haben, sich ein- oder gegenseitig das Leben schwer machen – worunter dann die ganze Dorfpolitik leidet.

Es gibt wohl kaum eine Baselbieter Gemeindepräsidentin, einen Gemeindepräsidenten, der nicht in seinem Dorf, in seiner Stadt irgendwelche Intimfeinde hat. Vielleicht berechtigte Kritik an der Amtsführung vermischt sich dann mit persönlichen Abrechnungen. Es wird intrigiert, bis sich die Balken biegen. Gemeindeversammlungen werden zum Kampfplatz, gestritten wird stellvertretend über Formales, was nicht selten vor Gericht endet. Genau so wenig dürfte es im Landkanton eine Gemeinde-Exekutive geben, der nicht schon in irgendeinem Zusammenhang Machtmissbrauch und selbstherrliche Amtsführung vorgeworfen worden wäre. Besonders intensiv werden solche Streitereien, wenn es um persönlichen Besitz und Fragen des Werterhalts geht. Hatten wir nicht kürzlich in Muttenz einen Steinwurf-Anschlag auf einen Gemeinderat, vermutlich als Folge der Auseinandersetzung um einen Mobilfunkantennen-Standort?

So viele Gemeinderäte, so viel Streit

Was oft vergessen geht: Während im Kanton Basel-Stadt bei rund 190 000 Einwohnern bloss 19 Personen in einer politischen Exekutive sitzen (7 Basler Regierungsräte, 7 Gemeinderäte in Riehen und 5 in Bettingen), sind es im Baselbiet bei einer Bevölkerung von rund 280 000 stolze 450. Hinzu kommen im Landkanton 290 Land- und Einwohnerratssitze gegenüber 140 Parlamentssitzen in Basel-Stadt und Riehen. Der Landkanton ist also politisierter als die Stadt, gleichzeitig stark divergierend zwischen regionalen Partikularinteressen der einzelnen Kommunen einerseits, und dem Machtkampf zwischen Kanton und Gemeinden andererseits. Es stehen mehr Personen mit ganz unterschiedlichen Ideen in der Verantwortung, ihre Gemeinwesen zu steuern. Im Gegensatz zum Baselbieter Regierungsrat hat es die Basler Regierung vergleichsweise einfach, den Generalkurs für die Entwicklung des eigenen Kantons vorzugeben.

Entsprechend ist das Konfliktpotenzial in Baselland ungleich grösser. Viele der Exekutivmitglieder werden der These zustimmen, dass die Amtsausübung in den letzten beiden Jahrzehnten auf allen Stufen nicht nur immer komplexer, sondern auch immer aufreibender geworden ist.

Profitum versus Ehrenamt

Gemessen daran, dass ein Grossteil dieser Leitungsfunktion (halb-) ehrenamtlich, aber in Zusammenarbeit mit den Profis aus den Gemeindeverwaltungen erfolgt, ist es schlicht bewundernswert, zu welchen planerischen Höchstleistungen die Gemeinderäte fähig sind. Allschwil führte bereits seine erfolgreiche Wirtschaftsoffensive durch, als diese auf kantonaler Stufe noch ein Fremdwort war. Liestal, Reinach und Pratteln sind mit weitsichtigen Konzepten die Transformation zu modernen mittelgrossen Städten angegangen, in denen Bevölkerungswachstum, Verkehr und Wirtschaftsentwicklung aus klugen Wechselwirkungen bestehen. Das sind nur ganz wenige selektive Beispiele, es gäbe weitere, auch aus kleineren Gemeinden.

Gleichzeitig kann niemand ernsthaft bestreiten, dass allein schon aus quantitativen Gründen die Qualität der Gemeinderäte zwischen Schönenbuch und Ammel stark variiert, die durch die oftmals hohe Fluktuation nicht besser wird.

Alle Macht den Gemeinderäten?

In Baselland gewinnt die Ansicht immer mehr Anhänger, dass der überzentralisierte Landkanton nur aus der jetzigen Misere geführt werden kann, wenn der Einfluss des Kantons maximal zurückgefahren wird und stattdessen die in neuem Selbstbewusstsein erstarkten Gemeinden die Vorreiterrolle übernehmen. Mit Blick auf die erfolgreichen, hochprofessionellen Grossgemeinden ein bestechender Ansatz. Mit Blick auf Thürnen eine Horrorvorstellung.