Es gibt Orchester. Und dann gibt es die Berliner Philharmoniker. Das mag abgedroschen klingen. Aber manchmal ist die Wahrheit eben rührend abgedroschen. Kein anderes Orchester erreicht diese atemberaubende Einheit made in Berlin, bei gleichzeitigem Hochglanz made in Berlin und Perfektion made in ... Sie ahnen es. Dennoch. Die Realität der Berliner Philharmoniker ist im Umbruch. Nach 15 Jahren musikalischen Höhenfluges mit Simon Rattle wird ab kommendem Jahr Kirill Petrenko neuer Chefdirigent.

Der 46-jährige Musikdirektor der Bayerischen Staatsoper ist alles andere als ein Unbekannter. Von der Opernwelt mehrfach zum Dirigenten des Jahres gekürt, 2002–2007 Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, seit 2013 der Bayerischen Staatsoper, hat der im sibirischen Oms geborene Russe eine steile Karriere durchlaufen.

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Mit zwei Besonderheiten: Erstens mit Anstellungen ausschliesslich an deutschsprachigen Häusern und zweitens ausschliesslich an Opernhäusern. Sinfonieorchester wie das Concertgebouw-Orchester, das Cleveland Orchestra oder die Berliner Philharmoniker waren bislang eher sein Spielbein. Das erklärt seine Reaktion auf die Berliner Berufung. Der Russe sei «schockiert gewesen».

Zum Anfang das Herzstück

Vom Schock war am Mittwochabend im KKL allerdings wenig zu hören. Denn der neue Dirigent ging die Zukunft offensiv an. Auf dem Programm standen Richard Strauss und Beethoven – zwei Aushängeschilder der Berliner, von Dirigenten von Karajan bis Rattle mehrfach aufgezeichnet, sprich: in philharmonischen Marmor gemeisselt. Wer da keinen Vergleich scheut, scheut keinen mehr, könnte man frei nach Rilke kalauern – passend zu Petrenko. Der stürzt sich förmlich in seinen Strauss.

Rasend schnell und unheimlich homogen lässt er das Orchester losschiessen: den halsbrecherischen Aufstieg des «Don Juan»-Themas entlang. Das ist ein Flirren und Brausen und dabei nobel-gigantisch. Selbst die Pauke tönt rund, als spielte ein gigantisches Cello pizzicato. Kein Kubikzentimeter des Saales, der nicht ausgefüllt wäre mit Schmelz und vibrierendem Glanz. Und umgekehrt: Kein anderes Orchester, das sich die Hightech-Akustik des KKL so perfekt zu Nutzen machen würde. Einst wurde die Speicherkapazität von CDs an Beethovens Neunter geeicht – wer weiss, ob bei der Konstruktion des KKL die Akustiker nicht den Klang der Berliner im Hinterkopf hatten?

Dirigieren aus Liebe

Und inmitten dieser Fülle von Wunderklängen steht er da: Dirigent Petrenko. Schmale Statur, nicht allzu gross. Von seinem Schlag zu sprechen, wäre geradezu rufschädigend. Denn Petrenko schlägt nicht, sondern streichelt den Takt buchstäblich aus seinem Orchester. Liebe pur ist das. Irgendwie rührend. Mit eleganten Bewegungen gibt der Russe die Gangart vor, emphatisch und stets abgerundet, als gälte es, diesem Rolls-Royce der Musik bloss keinen Kratzer zuzufügen. Der Rolls-Royce dankt es ihm. Und braust auf sanftes Streicheln hin los mit gefühlten 1000 PS und einer wohlbekannten – vielleicht allzu bekannten? – Gangart.
Kann man ein Orchester mittels Liebe regieren? Die Antwort ist hier klar: Ja. In Strauss’ «Tod und Verklärung» fällt sie nicht so eindeutig aus.

Da bleiben die Berliner gedämpfter, und im abgedunkelten Ton mögen kritischste Ohren das gewisse Etwas vermissen. Aber liebende Männer sind zu vielem fähig – auch zu Wagemut, wie Bald-Berliner Petrenko mit Beethovens siebter Sinfonie zeigt. Sie schickt der opernerfahrene Dirigent nämlich in die Theaterschule. Statt Berliner Hochglanz gibt’s Bühnen-Schminke. Die tiefen Streicher dürfen viel Wucht zeigen, das Thema durchaus dröhnen – dass Petrenko dieses zuvor aufs Liebevollste einläutet, macht den Kontrast nur noch schärfer.

Das Werk ist Sinfonie gewordener Rhythmus. Mit seinen eleganten Handbewegungen fährt nun der Russe mitten im metrischen Kreisen unter den berühmten Berliner Glanz; reisst mal hier, mal dort den Lack auf, wirbelt die Struktur auf, schärft Dissonanzen, zieht überkreuzende Strukturen scharf nach. Selbst den berühmten Trauermarsch im zweiten Satz funktioniert er zu einem Trauer-Tanz um.

Dass das nie nach Persiflage tönt, gehört zur hohen Kunst des Kirill Petrenko. Und dass sein Beethoven im Tanzschritt (im Finalsatz wird’s zum Stechschritt) «seine» Berliner Philharmoniker beinahe an ihre Grenzen treibt? Die Psychologie würde beim Phänomen wohl vom Rausch der primären Verliebtheitsphase sprechen.