Er hatte schlicht zu viel investiert, um sich mit 100 Dollar zufriedenzugeben. Jack Conte, ein amerikanischer Musiker mit Glatze, dichtem Bart und sanfter Stimme, hatte fast drei Monate Arbeit und über 10 000 Dollar in ein vierminütiges Youtube-Video gesteckt. Darin tanzen und singen Roboter, der verschwitzte Conte spielt daneben Gitarre, und das alles wurde von einem preisgekrönten Regisseur gefilmt.

Auch heute, fünf Jahre nach der Veröffentlichung, ist das Video noch absolut sehenswert. Dass der fertige Film millionenfach angeklickt würde, dessen war sich der Künstler bereits bei der Planung ziemlich sicher: Damals war Jack Conte nämlich einer der bekanntesten Stars auf der Videoplattform Youtube und genoss schon fast Legendenstatus. Trotz dieses riesigen Publikums war sich Conte vor der Veröffentlichung des teuren Videos aber auch bewusst, dass er damit nur knapp 100 Dollar verdienen würde.

Über das Internet kann man heute zwar selbstproduzierte Songs, selbstgedrehte Videos oder selbst geschriebene Texte veröffentlichen, ohne dass dafür ein Label, ein Studio oder ein Verlag benötigt wird. Allerdings ist es nach wie vor überraschend schwierig, aus diesen Produkten auch Profit zu schlagen.

Die meisten Inhalte im Web sind entweder komplett gratis oder werden durch Werbung finanziert – das gilt neben Youtube auch für Zeitungen oder soziale Medien. Dieses Modell ist allerdings in vielen Fällen nicht lukrativ und polarisierende Inhalte können häufig gar nicht monetisiert werden.

Frustriert von dieser Ungleichheit und von den lächerlichen 100 Dollar, die er für sein Video kassiert hätte, gründete Jack Conte deshalb im Frühling 2013 die Firma Patreon; eine Plattform, auf der Nutzer direkt für Dinge im Internet bezahlen können – zum Beispiel für seine kostspieligen Videos.

Ein Abo für das Internet

Die Idee dahinter ist simpel: «Creators», welche digitale Inhalte produzieren – egal ob Songs, 3D-Modelle, Podcasts, Filme oder etwas ganz anderes –, können auf Patreon ein Profil erstellen und ihren Fans so exklusiven Zugang zu diesen Inhalten anbieten. Die Gönner, auf Englisch nennt man sie «Patrons», zahlen im Gegenzug einmal pro Monat einen kleinen Betrag direkt an den Urheber.

Patreon ist also eine Paywall für Künstler, Kreative und Creators – eine Art Abonnement für einen kleinen Teil des Internets. Anders als bei Spotify- oder Netflix-Abos fliesst das Geld dabei aber nicht an eine grosse Firma, welche die Beiträge nach eigenem Gutdünken verteilt (und häufig auch grosse Teile davon selber behält), sondern direkt an jene Künstler, welche man wirklich unterstützen will.

Nachdem man sich im Web in den vergangenen Jahren an eine werbefinanzierte Gratiskultur gewöhnt hatte, unter anderem dank Firmen wie Google und Facebook, schlug Conte mit der Gründung von Patreon einen anderen Weg ein. Damit traf er den Nerv der Zeit.

Die Finanzierung über Werbung ist nämlich nicht nur unergiebig, in den vergangenen Jahren hat sich im Web auch ein Phänomen mit dem Übernamen «Banner-Blindheit» bemerkbar gemacht: Wegen der Flut von Werbeanzeigen im Internet, werden diese heute von vielen Nutzern nicht mal mehr wahrgenommen. Immer mehr User haben ausserdem Werbeblocker installiert und die Tracking-Technologien von Facebook und Google sind von vielen verpönt.

Experten zweifeln deshalb daran, dass sich das schnell wachsende Web weiterhin über Werbung finanzieren kann. Internetstars, sogenannte «Influencer», lassen sich schon heute direkt von Firmen sponsern – dadurch verlieren sie aber an Unabhängigkeit und häufig an Glaubwürdigkeit gegenüber ihren Fans. Abo-Angebote wie Spotify können eine Alternative sein, allerdings lohnt sich diese meist nur für Künstler mit einem Millionenpublikum. Patreon soll genau diese Lücke schliessen.

Nach der Gründung zeigte sich schnell, dass die simple Idee von Youtube-Star Conte Potenzial hat: Schon nach wenigen Wochen hatte der Künstler mehrere hundert Gönner, die ihm für seine Videos monatlich 4000 Dollar zahlten. Conte kam auf diese Weise zu einem gesicherten Einkommen, ein Vielfaches der üblichen Werbeeinnahmen, und seine Fans erhielten im Gegenzug Zugriff auf exklusive Videos und persönliche Dankesnachrichten.

Tech-Riesen wollen nachziehen

Unterdessen ist aus dem Ein-Mann-Projekt Patreon eine Firma mit 140 Mitarbeitern geworden, deren Wert auf über 400 Millionen Dollar geschätzt wird. Aus einer kleinen Wohnung am Rande von San Francisco ist das Team in ein riesiges Büro im Start-up-Viertel der Stadt gezogen.

Patreon hat sich zu einer der wichtigsten Plattformen im Web entwickelt: Über 100 000 Creators sind mittlerweile registriert und diese werden von zwei Millionen Gönnern unterstützt. Allein dieses Jahr dürften auf diese Weise rund 300 Millionen Dollar ausgezahlt werden.

Das haben natürlich auch die zwei dominanten Firmen im digitalen Werbemarkt mitgekriegt, Facebook und Google. Beide Unternehmen experimentieren mittlerweile selber mit dem Patreon-Modell: Vergangene Woche gab Facebook bekannt, dass es bald Facebook-Gruppen gebe, die nur gegen Bezahlung zugänglich sind. Und auf YouTube, der Videoplattform, welche seit 2006 zu Google gehört, können Creators neu exklusive Inhalte gegen eine monatliche Zahlung anbieten – fast eine exakte Kopie von Patreon.

Bei Patreon macht man sich um die Konkurrenz keine Sorgen. Besucht man das Team in Kalifornien, entsteht der Eindruck, dass Kreativität hier wichtiger ist als Geld: Zwischen den Arbeitstischen stehen überall Musikinstrumente, welche nach Feierabend jeweils für Jamsessions genutzt werden. Die Wände sind dekoriert mit Bildern und Musikalben von jenen Künstlern, welche ihr Leben mithilfe von Patreon finanzieren.

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Und wie ein Mahnmal hängt nach wie vor ein Teil des teuren Filmsets an der Wand, welches Jack Conte vor fünf Jahren zur Gründung von Patreon inspiriert hatte. «Wenn man das Internet heute neu erfinden würde, dann würde man Inhalte vermutlich nicht mehr mit Werbung finanzieren», sagt Tyler Palmer, der fast seit der Gründung beim Unternehmen ist und heute als Chief Operating Officer (COO) amtet.

Die «Schweiz am Wochenende» trifft ihn in einem kleinen Besprechungsraum, der auch häufig als Filmstudio genutzt wird. «Patreon beweist, dass Leute durchaus bereit sind, für gute Inhalte im Internet zu bezahlen», sagt Palmer.

Heute wird Patreon unter anderem von Videoproduzenten wie Marc André Deschoux und Louis Nardin genutzt, zwei Schweizer, die einen Youtube-Kanal zum Thema Uhren führen. Diesen können sie nur dank Patreon und ihren 150 Gönnern finanzieren. Die Plattform ermöglicht aber auch weit aufwendigere Produktionen wie beispielsweise den amerikanischen Polit-Podcast Chapo Trap House, der dank über 22 000 Gönnern jeden Monat 100 000 Dollar einnimmt.

Patreon behält fünf Prozent von jeder Transaktion für sich und will damit irgendwann den Weg in die schwarzen Zahlen finden. Das Team kann sich sogar vorstellen, die Firma irgendwann an die Börse zu führen. «Vor allem aber wollen wir dafür sorgen, dass sich mehr Leute kreativ entfalten und damit Geld verdienen können», sagt Palmer.

Machen Investoren Druck?

Von vielen Patreon-Nutzern wird das Unternehmen als faire Alternative zu den grossen Tech-Konzernen gefeiert. Damit bewegt sich die Firma allerdings auf einem schmalen Grat, schliesslich ist sie nicht gemeinnützig organisiert, sondern wird von Risikokapitalgebern aus dem Silicon Valley finanziert. Diese wollen aus ihrer Investition irgendwann Gewinn ziehen; erst im vergangenen Jahr hat Patreon in einer Finanzierungsrunde 70 Millionen Dollar Kapital aufgenommen.

Es gehe hier aber niemandem um Cabriolets oder um Privatjets, beschwichtigt Palmer: «Sowohl wir Mitarbeiter wie auch unsere Investoren wollen ein langfristiges Business aufbauen. Wir haben kein Interesse daran, die Firma zu verkaufen.» Dass bei Patreon nicht das Geld, sondern das Wohl der Creators im Vordergrund stehe, genau das sei auch der grosse Vorteil gegenüber der wachsenden Konkurrenz der Tech-Giganten, findet Palmer: «Die Nutzer werden schlussendlich jene Plattform nutzen, der sie mehr vertrauen.»