Seine Aussage entbehrt einer gewissen Ironie nicht: «Sind Sie von der Konkurrenz?», fragt er. Internetcafés haben heute mit diversen Problemen zu kämpfen – aber eine starke Konkurrenz gehört definitiv nicht dazu. Waren sie vor 15 Jahren an jeder Ecke zu finden, so sind sie heute Exoten. Und doch sind nicht nur noch Personen, die im Netz keine Spur hinterlassen wollen, froh um ein Internetcafé.

An der Ecke Langstrasse/Hohlstrasse befindet sich mit dem «Green Mango» eines der wenigen, das in der Stadt Zürich noch zu finden ist. Es präsentiert sich hell und freundlich: keine verspiegelten oder abgeklebten Scheiben, keine weggedrehten Bildschirme, die vor unerwünschten Blicken schützen. Als ebenso freundlich erweist sich der Geschäftsführer, nachdem er sein anfängliches Zögern überwunden hat. Hanspeter Hausherr gibt bereitwillig Auskunft und zeigt seine zehn Internetstationen nicht ohne Stolz. «Ausdrucken, scannen, ab USB-Stick arbeiten, bei uns kann man alles», sagt er.

Internetnutzung steigt mit Einkommen

An diesem Mittag unter der Woche ist kein einziger Computer besetzt. Erstaunlich ist das nicht: Smartphones, drahtlose Internetverbindungen und gratis Wi-Fi in Restaurants, Hotels oder ganzen Städten wie Luzern haben Cybercafés weitgehend überflüssig gemacht. Während 2002 erst 58 Prozent der Schweizer Haushalte Zugang zum Internet hatten, waren es 2017 bereits 93 Prozent. Gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik verfügen die restlichen 7 Prozent vor allem deshalb über keinen Internetanschluss, weil sie keinen Bedarf haben. Aus den Zahlen wird zudem deutlich, dass die Internetnutzung mit dem Einkommen und Bildungsstand steigt.

Im «Green Mango» ist die Kundschaft bunt gemischt, wie Geschäftsführer Hausherr sagt: «Zu uns kommen Junge, Ältere, Schweizer und Ausländer.» Meistens gehe es darum, Dokumente auszudrucken – oft Bewerbungen oder Flugtickets. Sechs Minuten Internet kosten dabei einen Franken, für zehn Franken gibt es 72 Minuten, für einen Ausdruck kommen 20 Rappen dazu. Reich wird man davon nicht: «Einzeln würde sich das Internetcafé für uns nicht rentieren», sagt Hausherr. Zu seinem Konzept gehören deshalb auch Spielautomaten, eine Bar und ein Kiosk.

Nur Internet allein reicht nicht

Das ist typisch für die wenigen noch überlebenden Internetcafés. Fast alle bieten ein Sammelsurium an Diensten an: Oft sind sie mit Bars kombiniert, verkaufen Kioskwaren oder bieten Geldtransfer, Natelreparaturen oder Prepaid-Karten an. Auf Letzteres setzt zum Beispiel das «Cilo», ebenfalls an der Zürcher Hohlstrasse. Es ist düster im kleinen Raum mit den verdunkelten Scheiben, auch hier ist kein einziger Computer besetzt. Der Angestellte will seinen Namen nicht nennen. Aber auch er sagt: Nur mit Internet könnte das «Cilo» nicht überleben. Wichtig sei vor allem der Verkauf von SIM-Karten.

Wo 1995 beim Parkhaus Urania das erste Zürcher Internetcafé eröffnet wurde, befindet sich heute ein Burgerladen – mit gratis Wi-Fi. Aber früher waren die neun Computer bald so beliebt, dass 2005 auf 32 Stationen erweitert wurde. Rund zehn Jahre später krähte kein Hahn mehr danach – die Arbeitsplätze mussten weichen.

Ab und zu kommt die Polizei

Wenn den Internetcafés zunehmend die reguläre Kundschaft ausgeht – sind sie dafür zu einem Treffpunkt für Kriminelle geworden, die sich dort in der Anonymität wähnen? Zumindest vereinzelt ist das der Fall, wie Zeitungsberichte über illegale Glücksspiele oder andere krumme Geschäfte in Internetcafés nahelegen. Auch der Hausherr vom «Green Mango» sagt, dass die Polizei gelegentlich vorbeikomme und das Filmmaterial der Überwachungskameras studieren wolle. Das geschehe etwa zweimal im Jahr.

Ralph Hirt von der Kantonspolizei Zürich bestätigt, dass Internetcafés in den Ermittlungsverfahren heute nur noch selten ein Thema sind. «Smartphones, Tablets, sehr schnelle Verbindungen zu zahlbaren Preisen und, wenn gewünscht, Möglichkeiten zum anonymen Surfen machen die Nutzung eines Internetcafés absolut unnötig in der Schweiz», sagt er. Auch im Kanton Bern werden kaum mehr Delikte von Internetcafés aus verübt, wie Dominik Jäggi von der Kantonspolizei Bern sagt. Dies habe unter anderem damit zu tun, dass Cyberkriminelle heute zahlreiche Möglichkeiten hätten, um die eigene Identität und den Standort zu verschleiern.

Trotz allem: Es gibt sie noch, die Internetcafés, die so beliebt sind, dass ihre Stationen fast immer besetzt sind. Eines davon ist das vor elf Jahren ins Leben gerufene «Planet13» in Basel: ein Selbsthilfeprojekt, welches Computer und Unterstützung kostenlos anbietet. Entstanden ist es aus einem Treffen von Menschen, die erwerbslos waren sowie Armut und Ausgrenzung erfuhren, wie Mitgründerin Avji Sirmoglu sagt: «Da war das Bedürfnis nach Internetzugang und entsprechender Hard- und Software gross.» Heute bietet das «Planet13» nicht nur 25 Arbeitsplätze, sondern auch kostenlose Computerkurse, Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen oder Briefen, bei der Suche nach Arbeit oder einer Wohnung sowie bei juristischen Fragen.

Die Nachfrage ist gross: «Wir begrüssen jeden Monat 2500 Gäste», sagt Sirmoglu. Denn obwohl heute mehr Menschen Zugang zum Internet hätten, erschwere die Armut nach wie vor vieles: «Hard- und Software kosten, Toner kostet, Papier, Anschlüsse und Abonnemente kosten.» Unter den Gästen seien Arbeitslose, Armutsbetroffene, Migranten, Obdachlose oder Rentner, sagt Sirmoglu. Das Projekt wird über Stiftungen und Spenden finanziert.

Der digitale Graben

Dass die Nachfrage nach Internetcafés für sozial Benachteiligte gross ist, bestätigt auch Fabian Weiler, Co-Leiter des «Kafi Klick», eines vergleichbaren Projekts in Zürich. Er spricht von einem «digitalen Graben»: Viele von Armut betroffene Menschen hätten weder das Geld noch die nötige Bildung, um sich Zugang zum Internet zu verschaffen. Ihnen fehle der Zugriff auf wichtige Informationen und Kommunikationskanäle. Indem man diesen Menschen Computer und Unterstützung anbiete, könne die Abwärtsspirale durchbrochen werden, die oft mit der Erwerbslosigkeit beginne und zur sozialen Isolation führe, sagt Weiler: «Unsere Arbeit erleichtert die Teilhabe an der Gesellschaft.»