Was letztes Jahr das Beste war, ist nun veraltet: Die Elektronik-Industrie lebt davon, sich ständig zu erneuern. Doch nicht jedes Jahr kann ein bahnbrechendes Produkt vorgestellt, eine Revolution verkündet werden. So schnell dreht sich die Technik-Welt doch nicht. Die Hersteller greifen deshalb oft zu Marketing-Tricks. Statt Produkte als «smart» anzupreisen, wie in den letzten Jahren, wird nun an vieles das Label «Künstliche Intelligenz» (KI) oder «Artificial Intelligence» angehängt. Smart-TVs sind nun KI-TVs. Ein Hersteller will gar «den AI Powered Cooking Assistant» entwickelt haben. Wer nun an einen Roboter denkt, der einem das Essen zubereitet, liegt aber falsch. Gemeint ist vielmehr ein Backofen, der auch übers Tablet gesteuert werden kann.

Und dennoch entdeckt man auch dieses Jahr in Berlin an der Internationalen Funkausstellung neue Trends oder Entwicklungen, die sich akzentuiert haben. Das sind die wichtigsten:

Technik versteckt sich

In den 90er-Jahren war es cool, Uhren zu tragen, die wie Taschenrechner fürs Handgelenk aussahen. Heute setzen Elektronik-Hersteller alles daran, ihre Smartwatches wie herkömmliche Zeitmesser aussehen zu lassen. Auf den Displays werden analoge Zifferblätter imitiert. Samsung geht nun einen Schritt weiter und bildet bei der Galaxy Watch auch den darauf fallenden Schatten digital nach. Und wenn man sich die Uhr ans Ohr hält, so hört man ganz leise: «Tick-tack».

Auch die TV-Geräte desselben Herstellers tarnen sich als analoge Gegenstände. Das Modell Frame gibts mit Holzrahmen und es kann auf die Bildgalerien diverser Museen zugreifen: Statt eines Fernsehers hängt so Kunst an der Wand.

Technik als Schmuck entwickelt das Münchner Start-up Nova Products: Das Jungunternehmen hat ein Bluetooth-Headset entwickelt, das in künstliche Perlenohrringe passt. Zumindest an weibliche Ohren geknipst, fällt diese Technologie nicht auf.

Fernseher werden noch schärfer

Die Formel für den TV von morgen ist kurz: 8K. Damit gemein ist eine Auflösung von 7680 mal 4320 Pixel, was 33 Millionen Bildpunkten entspricht. Das sind 16 Mal mehr als eine Full-HD Fernseher darstellen kann. Ein solches Gerät dürfte derzeit in den meisten Schweizer Haushalten stehen; die wenigsten Konsumenten haben jetzt schon auf den nächstbesseren Standard 4K aufgerüstet. Dennoch wollen uns die TV-Hersteller bereits 8K schmackhaft machen. Und weil es dafür noch kaum Inhalte gibt – SRF strahlt wie fast alle TV-Sender noch immer in Full-HD aus –, helfen die Elektronik-Konzerne mit Technologie nach. Mit einem Algorithmus werden Inhalte auf 8K hochgerechnet, das heisst, die fehlenden Bildpunkte werden ergänzt. Samsung macht das mithilfe von künstlicher Intelligenz. Ein lernfähiger Algorithmus vergleicht 8K-Bilder mit solchen einer niedrigeren Auflösung, um die fehlenden Pixel möglichst originalgetreu zu ergänzen.

Der Unterschied zwischen 4K und 8K sticht allerdings erst ab einer gewissen Display-Grösse ins Auge, am besten wählt man gleich einen 85-Zoll-Bildschirm (216 Zentimeter). Auch dann muss man zuweilen noch genau hinschauen, um den Mehrwert zu erkennen: In Naturaufnahmen wirken Felsen plastischer, Blumen farbintensiver und ein Feuerwerk in der Nacht knalliger.

Wie immer bei neuen TV-Trends sind die ersten Modelle alles andere als günstig. Das 85-Zoll-Modell von Samsung gibts ab Mitte Oktober für 14 999 Franken zu kaufen; ein 70-Zoll-Modell von Sharp für 13 999. Doch die Preise werden bald fallen.

Wohnungen werden smart

Der Kühlschrank meldet, dass das Ablaufdatum des Joghurts demnächst überschritten ist. Die Waschmaschine schreibt ein SMS, wenn der Waschgang beendet ist. Die Lampe schaltet sich automatisch an, wenn man nach Hause kommt. Und alles ist übers Internet vernetzt. Als Vision gibts das «Smarte Heim» schon lange, allmählich aber auch in der Realität. Gemäss einer aktuellen Studie besitzt jeder vierte Deutsche eine Anwendung wie intelligente Beleuchtung oder Videoüberwachung.

Nun macht eine schlaue Lampe allein noch kein smartes Haus. Wie weit man die Vision treiben kann, wurde auch dieses Jahr wieder an der Messe in Berlin gezeigt. Auf den Satz «Okay Google, ich will TV schauen», schaltete sich bei einer Präsentation nicht nur das Fernsehgerät ein, das Licht dimmt sich auch und der Sessel stellt die Lehne in eine halbliegende Position zurück. Google selbst blieb zwar der Messe wie jedes Jahr fern, der Sprachassistent der Firma war aber omnipräsent. Viele Hersteller nutzten die Applikation Google Home, um die Geräte zu vernetzen. Dadurch wird es auch möglich, Gadgets verschiedener Hersteller zusammenzuschliessen.

Dass die Vernetzung der Haushaltgeräte doch noch nicht so weit fortgeschritten ist, wie es sich die Hersteller wünschen, liegt einerseits daran, dass man die Waschmaschine nicht so häufig ersetzt wie das Mobiltelefon. Allerdings schrecken auch nach wie vor viele potenzielle Nutzer vor der Installation der Geräte zurück. Über ein Drittel gaben in der Studie an, dass ihnen die Technik zu kompliziert sei.

Personalisierte Assistenten

Smarte Lautsprecher wie Alexa von Amazon verbreiten sich zunehmend. Darüber kann nicht nur die Heimelektronik gesteuert werden, die Computerstimme unterstützt einen auch im Alltag, beantwortet Fragen («Wie wird das Wetter morgen?») und weist auf Termine hin. Doch was, wenn Alexa gerade nicht im Raum ist? Das Start-up Temi entwickelt einen Roboter mit Bildschirm, der seinem Nutzer folgt und so stets ansprechbar ist. Ob sich dieser Roboter durchsetzen wird, sei dahingestellt, persönliche digitale Assistenten aber bestimmt. Vielleicht reicht aber bald auch die Smartwatch am Handgelenk als persönlicher Assistent, der stets ein offenes Ohr für die Anliegen seines Nutzers hat.

Drei Augen sind besser als zwei

Kurz vor der Jahrtausendwende präsentierte Toshiba das erste Handy mit Kamera. Diese löste zwar nur mit 0,1 Megapixeln auf, eine kleine Sensation war das aber doch. In den fast zwanzig Jahren hat sich viel getan – nicht nur was die Auflösung angeht. Mittlerweile setzen die meisten Hersteller bei ihren Premium-Modellen auf eine Dual-Kamera auf der Rückseite. Denn zwei Augen sehen mehr als eines.

Den Trend lanciert hat Huawei vor zwei Jahren: Eine Linse fängt die Farben ein, eine zweite mit monochromem Sensor die Details. Etwas anders nutzten Apple und Samsung ihre Dual-Kameras: Hier kommen zwei Linsen mit unterschiedlichen Zooms zum Einsatz. Beim neusten Modell von Huawei, dem P20 Pro, ist nun sogar eine dritte Kamera hinzugekommen. So lassen sich verschiedene Zoomstufen nutzen. Ein Vorteil, der sich bei Aufnahmen aus der Distanz zeigt.