Als der Windows-Konzern 2012 den ersten Quartalsverlust seit 1986 schrieb, wurde der Tech-Dinosaurier von nicht wenigen «Experten» und Journalisten bereits abgeschrieben. Es sah nicht gut aus: Während Apple und Google mit iOS und Android die Kunden im Sturm eroberten, hatte der alternde Tech-Gigant gerade den Smartphone-Trend verschlafen. Selbst Windows 8 für PCs konnte nicht mehr an den Erfolg früherer Windows-Versionen anknüpfen. 

Die Zukunft gehört Amazon, Apple und Google, waren sich viele Beobachter sicher. Microsoft sei ein Tech-Fosil, dem in der von Steve Jobs ausgerufenen Post-PC-Ära der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit drohe. Heute sind wir klüger und wissen: Die Tech-Auguren hätten sich kaum mehr irren können.

Am Donnerstag vermeldete Microsoft das stärkste Jahresergebnis seiner Geschichte. Der Umsatz knackte zum ersten Mal die 100-Milliarden-Schallmauer. Allein der Nettogewinn der letzten drei Monate beträgt 8.8 Milliarden Franken. Alle Konzernbereiche trugen zum Rekordergebnis bei:

  • Microsoft Cloud (Azure) + 89%
  • Gaming +39%
  • Office 365 +38%
  • Linkedin +37%
  • Surface +25%
  • Windows +7%

Der Wert der Microsoft-Aktie hat sich seit 2011 beinahe vervierfacht. Inzwischen sind nur noch Apple und Amazon knapp mehr wert als Microsoft.

Die Aktie steht auf einem Allzeithoch und Microsoft ist auf dem Weg zum Eine-Billion-Dollar-Konzern. Der Tech-Dino ist 43 Jahre nach der Firmengründung wieder mehr Wert als Google und auf Kurs auch Amazon und Apple zu überflügeln. Doch wie ist das möglich?

Die kurze Antwort gibt Microsoft-Boss Satya Nadella gleich selbst: «Unsere frühen Investitionen in die intelligente Cloud zahlen sich aus.»

2014 kam der harte Neustart

Läuft der PC nicht mehr rund, ist ein Neustart nie verkehrt. Diese simple Weisheit befolgte auch Microsoft-Chef Satya Nadella, als er nach seinem Antritt 2014 den alten Tech-Giganten quasi herunterfuhr und neu gebootet hat.

Nach fast 15 Jahren unter der Regie von Steve Ballmer – Sohn des Schweizer Einwanderers Fritz Hans Ballmer – brauchte Microsoft einen Neustart. Satya Nadella ist das Gesicht dieses neuen Microsofts.

Satya Nadella kam 1992 zu Microsoft. Seit 2014 ist er der Chef von über 100'000 Mitarbeiter

Nadella arbeitete sich zum Präsidenten des immer wichtigeren Cloud-Geschäfts empor. Als Leiter der Cloud-Sparte war er Anfang 2014 die logische Wahl, als es darum ging, Steve Ballmers Nachfolger zu küren.

Als ich genau zwei Jahre nach seiner Ernennung zum CEO mit einer kleinen Gruppe internationaler Journalisten das Microsoft-Hauptquartier bei Seattle besuchte, hatte Nadella den Konzern bereits auf den Kopf gestellt. 

Während wir Journalisten fragen zu Windows oder Smartphones hatten, drehte sich bei Microsoft längst alles um die neue Firmenkultur und die Cloud, sprich Rechenzentren und Online-basierte Abo-Modelle wie Office 365.

Die Microsoft-Manager betonten in jedem zweiten Satz den Kulturwandel, den Nadella anstrebe. Ein Kulturwandel war auch mehr als nötig: Früher wurden bei Microsoft erfolgreiche Teams belohnt, die anderen bestraft: Abteilungen arbeiteten daher nicht zusammen, sondern teils gegeneinander. Der neue Microsoft-Chef versucht diese alten Gräben innerhalb des Konzerns zuzuschütten. Beim Abendessen erzählte mir ein gutgelaunter Schweizer Microsoft-Angestellter, dass er miterlebt habe, wie vor fünf Jahren die Marketing- und Verkaufsteams oft nicht gewusst hätten, was die anderen tun. Heute sei das ganz anders.

Die neue Firmenkultur manifestiert sich auch in der früher undenkbaren Offenheit gegenüber rivalisierenden Betriebssystemen wie Android, iOS und Linux, die von Microsoft inzwischen vollumfänglich mit Software unterstützt werden. Natürlich ist dieser Strategiewandel aus der Not geboren, weil man den Wettbewerb der Betriebssysteme auf mobilen Geräten gegen Google und Apple verloren hat. Aber Nadella weiss natürlich, dass man nicht mehr mit Betriebssystemen Geld verdient, sondern mit der Cloud, wo wiederum Linux das dominierende Betriebssysteme ist. Die neue Offenheit war Microsofts Überlebensstrategie und nun, so zeigen es die neuesten Gewinnzahlen, geht der Masterplan vollends auf.

Von Microsofts PR-Leuten wird seit Nadellas Amtsantritt auch die Cloud-First-Strategie gebetsmühlenartig wiederholt. Beim Stichwort Cloud denken die meisten von uns zunächst ans Sichern von Fotos, Dokumenten oder Musik in einem Online-Speicher. Microsoft betreibt aber nicht hunderte Rechenzentren weltweit, um lediglich Urlaubfotos und E-Mails zu speichern. Vor allem grosse Firmen verlagern derzeit ihre IT-Infrastruktur wie Server oder Bürosoftware in Rechenzentren, um Kosten zu sparen. Kleinere Firmen folgen diesem Trend. Das Wachstumspotenzial im Cloud-Geschäft ist daher gigantisch.

Microsoft stellt zum einen Rechenkapazitäten in der Cloud bereit und liefert damit seinen Kunden eine Plattform, über die diese ihre IT abwickeln können. Zum anderen verkauft und vermietet Microsoft die dafür nötige Software. Dies garantiert langfristige Einnahmen.

Microsoft betreibt eigene Rechenzentren und stellt Cloud-Dienste für Rechenzentren von anderen Firmen zur Verfügung. Kunden können ihre Daten so im eigenen Rechenzentrum speichern (Private Cloud) und trotzdem die Dienste einer Public Cloud wie Microsoft Azure nutzen.

Insbesondere Firmenkunden kaufen Software, Speicherplatz und Rechenleistung oft nicht mehr in Form eigener Server und Rechenzentren, sondern mieten die Online-Dienste als Abo bei Microsoft und Co. Microsofts Cloud-Geschäft funktioniert somit ähnlich wie die Abo-Dienste von Netflix oder Spotify, die ihre Serien und Songs ebenfalls nur vermieten. Auch Microsoft-Kunden kaufen die Office-Programme nicht mehr, sondern mieten sich den Zugang.

Die Cloud mausert sich zum neuen Rückgrat des Konzerns und wird in den nächsten Jahren Milliardengewinne in die Kasse spülen.

Microsoft ist nach Amazon der zweitgrösste Cloud-Anbieter. Konkurrenten wie Google oder IBM wurden längst abgehängt. Viele Firmen entscheiden sich heute nur noch zwischen Marktführer Amazon oder eben Microsoft, das traditionell gute Beziehungen zu den Firmenkunden hat, wenn es darum geht, einen Cloud-Anbieter zu wählen. 

Während Produkte wie Windows, Xbox-Spielekonsolen oder Surface-Laptops seit Jahren nur gemächlich wachsen, explodieren die Cloud-Umsätze bei Microsoft (und Amazon) Jahr für Jahr. Kein Wunder: Über eine Milliarde Menschen nutzen die Microsoft-Cloud, die im Hintergrund den Speicher, die Rechenleistung und die künstliche Intelligenz für die Suchmaschine Bing, Outlook/Hotmail, Office 365, den Online-Spieledienst Xbox Live, den Onlinespeicher OneDrive oder die digitale Assistentin Cortana und die Azure-Plattform liefert. 

Ein Beispiel aus dem Alltag: Nutzer von Microsofts Spielekonsole Xbox One müssen regelmässig für den Spieledienst Xbox Live bezahlen, um sämtliche Online-Funktionen nutzen zu können. Der Cloud-Dienst wird Microsoft mittelfristig wohl mehr Geld einbringen als die Xbox-Verkäufe selbst.

Blick in ein Rechenzentrum von Microsoft.

Azure ist eine gigantische Computer-Infrastruktur im Internet mit fast unbegrenzter Rechenleistung. Die Azure-Plattform spricht daher vor allem Firmen an, die ihre Server und Programme (Office, Kundenbetreuung, Logistik etc.) in der Cloud, sprich einem externen Rechenzenter, betreiben wollen, um jederzeit genügend Speicher und Rechenleistung zu haben. Wer Rechenleistung für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz braucht, und das tun immer mehr Firmen, mietet diese bei Amazon oder Microsoft. 

Telekomfirmen wie Swisscom spielen dabei die Vermittler, damit Schweizer Firmen ihre Daten in Schweizer Rechenzentren speichern können. Die Infrastruktur im Hintergrund liefern aber immer öfter die beiden global führenden Player Amazon und Microsoft.

Wenn Nadella nun sagt «unsere frühen Investitionen in die intelligente Cloud zahlen sich aus», hat er recht. Implizit sagt er so aber auch, dass sein Vorgänger Steve Ballmer eben doch nicht alles falsch gemacht hat, wie so oft suggeriert wurde. Microsofts Kronjuwel, die Azure-Plattform, wurde bereits vor über zehn Jahren von Nadella aufgebaut, also unter Ballmers Führung.

Bei Microsoft hat man denn auch nicht mehr gross Lust, über etwas anders als die Cloud zu sprechen. Fast alles wird der Cloud untergeordnet, so scheint es zumindest für Aussenstehende. Das neuste Opfer dieser Cloud-First-Strategie ist der langjährige Windows-Chef Terry Myerson, der den Konzern verlassen wird. Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt krempelte Nadella Ende März den Konzern gründlich um und entmachtete den Windows-Chef. Das einst allmächtige Windows-Team wurde dem Cloud-Team unterstellt.

Früher musste sich bei Microsoft alles Windows unterordnen und dafür sorgen, dass sich Windows besser verkauft. Nadella machte ein für allemal klar: Windows hat keine absolute Priorität mehr. Das heisst natürlich nicht, dass Windows 10 nicht noch viele Jahre weiterentwickelt und für neue Geräte wie AR- und Mixed-Reality-Brillen adaptiert wird, aber es ist nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt. 

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Unter Ballmer wurde mit grösstem Aufwand die Surface-Sparte aus dem Boden gestampft, um neuen Schwung in den Laptop-Tablet-Markt zu bringen und so Windows zu stärken. Heute muss sich Windows der Microsoft-Cloud – also Azure und Cloud-basierten Diensten wie Office 365 – unterordnen.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist dies verständlich: Die Windows-Umsätze werden wohl bald stagnieren oder gar sinken, die Cloud hingegen verspricht mit Abo-Modellen für Speicherplatz, Rechenleistung und künstliche Intelligenz über Jahre oder Jahrzehnte gut planbare Einnahmen. Bei Microsoft dreht sich zurecht alles um Wachstumsmärkte wie maschinelles Lernen, Augmented Reality oder Mixed Reality. Ob Windows in der heutigen Form als PC-Betriebssystem stirbt oder noch für Jahre erhalten bleibt, ist für Microsoft wohl bald keine Existenzfrage mehr.