Es ist Sommer. Die warmen Temperaturen locken die Menschen massenhaft ins Freie. Ein Tag am Wasser – abschalten und geniessen, herrlich! Doch für viele endet der Genuss in Frust: Popmusik hier, Elektromusik da, und von Ferne dröhnt der Bass einer weiteren portablen Musikbox herüber. «Fast täglich müssen die Schweizer Badmeister eingreifen», berichten Zeitungen über dem Lärmstreit. Erste Badeanstalten verhängen bereits ein Musikverbot.

Musik oder Lärm?

Lärm – ein unerwünscht lautes Geräusch – wird sehr subjektiv wahrgenommen. Jeder Mensch empfindet Geräusche unterschiedlich, den einen stören sie nicht oder nur wenig, den anderen nerven sie. Laute Musik regt manche Personen auf, andere finden sie wiederum schön. Allgemein kann jedoch gesagt werden: Je stärker ein Geräusch ist, desto mehr Menschen empfinden es als unangenehmen Lärm. Und: Gemäss repräsentativen Umfragen wird der Strassenverkehrslärm mit Abstand als grösster Störfaktor empfunden.

Immer lauter

Robert Koch, der berühmte Nobelpreisträger für Medizin, ahnte es schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts: «Eines Tages wird der Mensch den Lärm so unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.» Eine düstere Prognose, die sich laut Bernd Chibici, Autor des Buches «Die Lärmspirale: Vom Umgang mit einer immer lauteren Welt» bewahrheitet: «Die Welt ist ganz eindeutig lauter geworden. Man geht davon aus, dass die Welt jährlich um ein halbes bis ein ganzes Dezibel lauter wird.» Zwar sind sowohl Autos als auch Flugzeuge in den vergangenen Jahren immer leiser geworden, doch das Aufkommen ist deutlich gewachsen. Die Folge: «Lärm ist längst – obwohl es viele noch nicht wahrhaben wollen – das Umweltproblem Nummer eins!», so Bernd Chibici.

Lärm macht krank

In der Schweiz sind über 1,3 Millionen Menschen übermässigem Lärm ausgesetzt. «Im Jahr 2011 waren rund 40% der Bevölkerung an ihrem Wohnort am Tag mehr als 55 dB Strassenlärm ausgesetzt», sagt Martin Röösli, Epidemiologe am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut Basel. Martin Röösli war Teil eines interdisziplinären Teams, das in der SiRENE-Studie (Short and Long Term Effects of Transportation Noise Exposure) sowohl die kurz- wie auch die langfristigen Auswirkungen der Verkehrslärmbelästigung untersuchte. «Es ist die erste gross angelegte Studie zur Lärmbelastung in der Schweiz», so Martin Rössli. «Neu haben wir auch die Charakteristika des Verkehrslärms unter die Lupe genommen. Heisst: Hat das monotone Rauschen einer Autobahn tagsüber dieselben Auswirkungen wie das ereignishafte Rattern eines Güterzuges in der Nacht?»

Im Schlaflabor wurden Probanden während einer Woche zufällig verschiedenen Lärmszenarien ausgesetzt. «Ereignisreicher Lärm führte zu einer längeren Einschlafdauer und die Probanden fühlten sich am Morgen weniger gut ausgeschlafen. Nach Nächten mit vielen Ereignissen wiesen die Laborstudien zudem eine reduzierte Glukosetoleranz und Inulinsensitivität nach.» In zwei grossen laufenden epidemiologischen Studien wurde unter Berücksichtigung von Biomarkern und Luftbelastung untersucht, wie sich die Lärmbelastung langfristig auf die kardiometabolische Gesundheit auswirkt. Das Resultat: «Je höher die Lärmbelastung, umso grösser ist das Risiko an Diabetes Typ II zu erkranken, unabhängig von der subjektiven Lärmbelästigung.» Zudem ergab die Untersuchung von 143'000 Herz-Kreislauf-bedingten Todesfällen einen Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und Herzinfarkten. Martin Röösli: «Auf die ganze Schweizer Bevölkerung hochgerechnet, ergeben diese Studienergebnisse jährlich durch Verkehrslärm mitverursachte 500 Herz-Kreislauf-Todesfälle und 2500 Diabetes-Erkrankungen.» Dabei sei der Lärm als ein Faktor unter mehreren zu verstehen: «Bei Personen mit geringem Risiko führt die Lärmbelästigung noch zu keinem Herz-Kreislauf-bedingten Todesfall», beschwichtigt der Epidemiologe.

Lärm an der Quelle reduzieren

Lärm stammt vom italienischen «All’arme!» ab, was so viel heisst wie «Zu den Waffen». «Dass Lärm die Gesundheit belastet, ist bereits dem Wortursprung zu entnehmen. Lärm, insbesondere der Verkehrslärm, versetzt auch den Körper in einen Alarmzustand», sagt Martin Röösli. Eine Erkenntnis, die vielen Menschen nicht bewusst ist. «Punkto Lärmschutz ist in den letzten 20 Jahren deshalb kaum etwas passiert.»

Dies möchte die Lärmliga Schweiz ändern. «Lärm dämmende Strassenbeläge und lärmarmes Fahren der Motorfahrzeuglenker helfen hörbar – aber nicht genug.» Das Ziel der Lärmliga lautet deshalb, Lärm an der Quelle zu reduzieren. Unter anderem brauche es Vorgaben zum Lärmpegel von Fahrzeugen, die sich an neuen technischen Möglichkeiten orientieren. Zudem kann der Lärm substanziell durch eine Reduktion der Fahrgeschwindigkeit von 80 km/h auf 50 km/h und von 50 km/h auf 30 km/h und durch eine Gewichtsverminderung der Fahrzeuge verringert werden.