Es brauchte die Arbeit von Freiwilligen, um den Aufschrei auszulösen: Die Insekten verschwinden! Der Entomologische Verein Krefeld in Deutschland hatte während 27 Jahren fliegende Insekten gefangen und dabei nicht nur die Arten gezählt, sondern auch die Fangmenge gewogen. Die Insektenliebhaber merkten: Die Fangmenge ging massiv zurück. Die Studienautoren errechneten, dass das Gesamtgewicht um 76 Prozent abgenommen hat.

Das war im letzten Herbst. Die Resultate sorgten weltweit für Aufsehen. Was noch mehr erstaunte: Warum hat niemand früher Alarm geschlagen? Es wurde doch bemerkt, dass im Sommer die Windschutzscheiben der Autos nicht mehr mit Insekten-Leichen verklebt sind. Dass die Heuschrecken nicht mehr im Sekundentakt aus dem Weg hüpfen, wenn wir durch Wiesen schreiten. Dass das Zirpen der Grillen abends nur noch vereinzelt ertönt. Dass wir manchenorts weniger von den Mücken und Bremsen gestochen werden.

Vermutlich blieben die Reaktionen aus, weil die meisten Insekten für uns lästige Viecher sind. Wir vermissen sie nicht. Wer im Internet etwas über Insekten erfahren will, stösst vor allem auf Tipps, wie man die Tierchen loswird.

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Bemerkt wurde der Rückgang aber schon: Insektenforschern fiel auf, dass sie immer weniger Exemplare fingen. Auch Wolfgang Nentwig. Er ist Professor am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. Ihn hat das Ergebnis der Studie aus Krefeld nicht überrascht. Er sagt: «Hinweise auf einen starken Rückgang der Insekten gab es seit langem. Aber mir fehlten die Daten.» Nentwig fängt heute weniger Insekten als in seiner Studentenzeit vor 40 Jahren und er erinnert sich, dass sich damals wiederum sein Professor beklagt hatte, dass mit der Lichtfangmethode viel weniger Insekten in die Falle gingen als früher.

Bessere Daten gibt es nicht

An soliden Daten über lange Zeiträume fehlt es noch immer. «Die Krefelder Studie ist wertvoll», sagt Nentwig. «Aber es wurden nur an wenigen Standorten die Insekten in mehreren Jahren gemessen.» Die Zahlen sollten nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Doch bessere Daten gibt es nicht.

In der Schweiz wird jeder Bartgeier gezählt und jeder Wolf hat einen Namen, hingegen ist über viele der weit über zehntausend Insektenarten wenig bekannt. Nur ein kleiner Teil ist in den Roten Listen der gefährdeten Arten erfasst. Doch nicht mal diese finden gross Beachtung. Denn wer interessiert sich schon für eine Eintagsfliege, einen Bockkäfer, eine Heuschrecke, die selten geworden sind?

Was die Arbeit des Krefelder Vereins besonders machte, ist, dass die gesamte Insektenmasse gewogen wurde und damit die Meldung möglich war, dass nicht nur eine einzelne Art rückgängig ist, sondern der Insektenbestand als Ganzes massiv geschrumpft ist. So etwas, das simple Inventarisieren der Insekten, betreibt kaum jemand über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg. Für eine Arbeit ohne spezielles wissenschaftliches Ziel werden auch keine Forschungsgelder gesprochen.

Bei den Säugetieren, Amphibien und Vögeln leisten diese Arbeit Hunderte von begeisterten Freiwilligen. So ist der Rückgang der Vögel besser dokumentiert: In den letzten 15 Jahren sind die Vogelbestände in Europa um einen Drittel gesunken.

Mal abgesehen von Schmetterlingen sind Insekten eben nicht die Lieblingstiere der Menschen. «Und auch Professoren sind Menschen», sagt Nentwig, der an der Universität Bern der einzige Biologe ist, der sich konsequent auf wirbellose Tiere wie Insekten und Spinnen spezialisiert hat. «Zu Säugetieren haben die Menschen einen ganz anderen Zugang. Sie sind anschaulicher, sie verkörpern in unseren Augen etwas.» Sie berühren uns. Die Insekten kaum. Bis jetzt.
Nach der Krefelder Studie beginnen sich mehr Leute Gedanken zu machen, was diese kleinen Tiere für uns und unsere Zukunft bedeuten.

Noch kein Bestäubungsengpass

Einerseits sind Insekten Bestäuber für einen grossen Teil unserer Nutzpflanzen. Müssen wir uns also sorgen um die Erträge der Landwirtschaft? Vorerst sicher nicht. Weltweit nimmt die Zahl der Honigbienen (durch Züchtung) zu – der Bestand hat sich in den letzten 50 Jahren fast verdoppelt – trotz dem Absterben vieler Völker durch die Varroamilbe. Doch auch Wildbienen sind stark bedroht und diese sind für die Bestäubung ebenso wichtig. Dennoch sind keine Bestäubungs-Engpässe bekannt, wir haben bis auf weiteres genug zu Essen.

Anders könnte es Tieren wie Igeln, Fledermäusen und vielen Vögeln gehen, die sich direkt von Insekten und deren Raupen ernähren. Hinzu kommen schwer abzuschätzende Effekte auf weitere Tierarten – so zeigten Biologen der Berner Fachhochschulen, dass Zecken dort häufiger sind, wo weniger Waldameisen vorkommen.

Doch wie kam es zum Insektensterben? Von blossem Auge sichtbar ist der erste Grund: Nämlich, dass die Insekten viel ihrer Lebensgrundlage verloren haben. Die Menschen haben die Natur ausgeräumt, gereinigt, begradigt, trockengelegt, vereinheitlicht. Und das seit 200 Jahren. Nur schon der Verlust an 80 Prozent der ursprünglichen Feuchtgebiete in der Schweiz hat viele Insekten zurückgedrängt.

Die Landwirtschaft wurde dadurch effizienter: Wo Hecken standen, wurde Platz frei, um mehr auszusäen, wo Bäume auf Feldern standen, kann der Traktor heute schnurgerade durchfahren. Monokulturen entstanden. Grosse Erträge sind wichtig für ein kleines, dicht besiedeltes Land wie die Schweiz, um möglichst viele regionale Produkte zu erhalten. Für unbebaute Streifen am Rand des Ackers, Steinhaufen und tote Bäume bleibt kaum Platz – Orte mit einer vielfältigen Pflanzenwelt für die Insekten.

Der unsichtbare Grund: Pestizide. Wie gross ihr Beitrag zum Insektensterben ist, ist umstritten. Dass sie eine erhebliche Rolle spielen, ist für Nentwig klar: «Es gibt kein Pestizid, das gezielt nur eine einzelne Käferart tötet.» Und er geht noch weiter: «Ich bin überzeugt, es gibt bei den Spinnen, Schnecken und Würmern ähnliche Phänomene. Die Pestizid-Problematik ist breit gestreut.» In der Schweiz ist der Pestizidverbrauch im Verhältnis zur Fläche sogar höher als in umliegenden Ländern, weil hier besonders empfindliche Gemüse und Früchte – etwa Trauben – angebaut werden.

Das Volk reagiert

Verschiedene Initiativen zeigen, dass man die Natur eigentlich schon schützen möchte: In drei Wochen wird über die Fair-Food-Initiative und die Initiative für Ernährungssouveränität abgestimmt. Beide Vorlagen wollen unter anderem eine ökologischere Landwirtschaft. Letztere fordert auch hohe Erträge. Aber um sie zu erreichen, setzen die Landwirte starke Schädlingsbekämpfungsmittel ein.

Die Initiative für sauberes Trinkwasser wird noch folgen. Und am 4. September startet die Petition «Insektensterben aufklären». Lanciert wird sie von den Naturfreunden Schweiz zusammen mit Dark-Sky Switzerland, dem Schweizer Bauernverband und apisuisse. Zudem hat der Obwaldner CVP-Nationalrat Karl Vogler im März im Parlament eine Motion eingereicht, mit der er ein umfassendes Monitoring zur Entwicklung des Insektenbestandes in der Schweiz fordert. Der Bundesrat hält dies für zu teuer, National- und Ständerat haben noch nicht darüber beraten.

Dass eine ganze Klasse der Tierwelt um mehr als die Hälfte dezimiert wurde, das gab es in der neueren Erdgeschichte noch nie. Zum Glück ist das noch nicht überall so: Im vorletzten Sommer war Wolfgang Nentwig in Griechenland in der Nähe der Grenze zu Albanien, um Spinnen zu suchen. «Das war ein sehr prägendes Erlebnis», sagt er. Er hat eine solche Dichte von Insekten angetroffen, wie er sie in der Schweiz noch nie gesehen hat. Aber er sagt: «Mit Sicherheit war das hier vor hundert Jahren genauso.»