Immer mehr Menschen leben auf der Welt: Heute sind es rund 7,6 Milliarden. Bis ins Jahr 2100 werden es rund vier Milliarden mehr sein, sagt die Prognose der «Population Division» der UNO. Gleichzeitig hat sich die Menschheit zum Ziel gesetzt, ihren negativen Einfluss auf die Umwelt möglichst rasch zu vermindern, vor allem aufzuhören, so viel Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen. Dazu haben sich alle Staaten der Welt am Pariser Klimaabkommen von 2015 verpflichtet.

Doch wie passen diese Klimaziele mit einer rasant wachsenden Weltbevölkerung zusammen? Ist das Bevölkerungswachstum mitschuldig am Klimawandel – und, wenn ja, wie stark? «Fragen in diese Richtung bekomme ich nach Vorträgen extrem häufig aus dem Publikum gestellt», sagt Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich. Ungemütliche Fragen, weil politisch heikel.

Das anerkennt auch ein kürzlich im Fachjournal «Science» erschienener Beitrag von zwei US-Forschern. Sie fordern darin, dass der Weltklimarat künftig auch Massnahmen gegen das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern prüft. «Das war bisher unter Klimaforschern ein Tabuthema», sagt Brian O’Neill, einer der beiden Autoren. So hat der Weltklimarat die Bevölkerungsentwicklung in seinen Berichten bisher kaum erwähnt. Das bemängelt O’Neill. Denn auf die Informationen des Weltklimarats stützen sich die Klimastrategien der einzelnen Staaten.

Konkrete Massnahmen fehlen

O’Neill und sein Mitautor schlagen selbst keine konkreten Massnahmen vor, das sei Aufgabe der Politik. Doch sie plädieren dafür, dass das Bevölkerungswachstum genauso ein Faktor in der Klimapolitik wird wie auch die Energieeffizienz, erneuerbare Energien oder der Landverbrauch. Auf lange Sicht schätzen verschiedene Studien den Einfluss des Bevölkerungswachstums auf das Klima tatsächlich als beträchtlich ein. Darunter eine von Brian O’Neill selbst, die prognostiziert, dass ein nach unten korrigiertes Bevölkerungswachstum die globalen CO2-Emissionen – hochgerechnet auf das Jahr 2100 – um bis zu 40 Prozent vermindern könnte.

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So weit die Theorie. Doch in der Realität sieht es anders aus. Denn so einfach lässt sich die Bevölkerungsentwicklung nicht bremsen. Diese ist durch drei Faktoren bestimmt: Erstens wird auch in Entwicklungsländern die medizinische Versorgung besser, deshalb leben die Menschen länger; zweitens gibt es heute weltweit viel mehr junge als alte Menschen – indem sie älter werden, füllen sie automatisch die betagteren Kohorten auf. Bereits dadurch kommen selbst bei einer tiefen Geburtenrate drei Milliarden Menschen dazu – also der Hauptteil des zukünftigen Wachstums. Drittens, die Geburtenrate.

Von diesen drei Faktoren lässt sich einzig die Geburtenrate anpassen. Und ein Blick zurück zeigt, dass sich hier in den letzten Jahrzehnten schon viel getan hat: 1963 haben Frauen weltweit im Schnitt rund fünf Kinder zur Welt gebracht. 2012 waren es noch 2,5. Nur im zentralen und südlichen Afrika werden heute noch überdurchschnittlich mehr Babys geboren.

Lebensstil ist entscheidend

Neu ist die Idee nicht, die Geburtenrate zu regulieren. Manch ein Wissenschafter sah das in der Vergangenheit sogar ziemlich unkompliziert. So stellte der Stanford-Professor Paul Ehrlich 1968 den Einsatz des Insektizids DDT bei der Bekämpfung von Malaria infrage. Am Beispiel von Kolumbien rechnete er vor: Wenn man DDT einsetzt, überleben pro Haushalt sieben oder acht Kinder. Tut man es nicht, überleben zwei oder drei, der Rest stirbt an Malaria. Ehrlich plädierte dafür, kein DDT einzusetzen – und nannte das eine effiziente Massnahme gegen das Bevölkerungswachstum.

Davon wie auch von unfreiwilliger Geburtenkontrolle distanzieren sich heutige Klimawissenschafter wie Reto Knutti klar. Aber auch er plädiert dafür, zu prüfen, inwiefern das Bevölkerungswachstum in die Klimapolitik einfliessen soll: «Obschon es ein politisch heikles Thema ist, sollten wir darüber diskutieren können.» Dabei gehe es nicht darum, jemandem etwas vorzuschreiben. Sondern darum, die Lebensbedingungen von Familien in Entwicklungsländern zu verbessern mit Massnahmen, wie sie schon heute zur Entwicklungshilfe gehören: Frauen einen besseren Zugang zu Verhütungsmitteln, medizinischer Versorgung und Bildung zu ermöglichen.

Klar ist für Knutti aber auch, dass nicht das Bevölkerungswachstum, sondern die Industrialisierung der grösste Treiber des Klimawandels ist und bleibt. Und der damit einhergehende Lebensstilwechsel – früher in der westlichen Welt, heute in jenen Entwicklungsländern, die stark aufgeholt haben. Wie zum Beispiel Indien: Dort gibt es mehr Wohlstand, mehr Autos und mehr Fleisch auf dem Speiseplan. «Das verschärft das Klimaproblem, aber mit der Geburtenrate hat das nichts zu tun», stellt Knutti klar.

Doch selbst wenn ein Bremsen des Bevölkerungswachstums womöglich einen kleinen Einfluss auf den Klimawandel hat – für uns hier in der Schweiz und den anderen Industriestaaten Westeuropas ändere das überhaupt nichts, sagt Reto Knutti. Zu immens ist unser Verbrauch an Ressourcen und unser Ausstoss an Klimagasen im Vergleich mit den Entwicklungsländern. Mit dem Klimaabkommen von Paris hat sich die Schweiz verpflichtet, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu beschränken – das berühmte Zwei-Grad-Ziel. Das bedeutet: Wir müssen die Emissionen bis 2050 auf praktisch null herunterkurbeln. Reto Knutti: «Daran ändern auch weniger Kinder in Afrika nichts.»