Wer heute Single ist, dem tut sich online eine schier endlose Auswahl an potenziellen Partnern auf. Neben Tinder gibt es in der Schweiz eine Vielzahl weiterer Dating-Apps wie Once, Happn oder OkCupid, auf denen sich unzählige Singles anpreisen. Es wäre ohne Probleme möglich, sich an jedem Wochentag zu einem Date zu treffen – wenn nicht sogar zu zwei Dates täglich.

Nach nur fünf Jahren – damals wurde Tinder lanciert – klagen Singles auf Foren und in verschiedenen Medien über Online-Dating-Burnout: zu viele oder zu wenige Matches, ein grosser zeitlicher Aufwand, Enttäuschungen beim ersten Treffen, weil die Person sich anders verhält oder aussieht, als man es sich vorgestellt hat. Und so wächst der Wunsch, einen Menschen im echten Leben und nicht via virtuelle Kommunikation kennen zu lernen. Das zeigt das Jugendbarometer 2018 der Credit Suisse: Bei den 16- bis 25-Jährigen nimmt die Nutzung von Dating-Apps bereits ab.

Es verwundert deshalb nicht, dass entsprechende neue Angebote entstehen wie etwa «Sensual Speed Dating», das die beiden Zürcherinnen Livia Maag und Elena Rutman zu Beginn dieses Jahres ins Leben gerufen haben. Maag sagt: «Das oberflächliche Beurteilen, das langwierige Hin- und Herschreiben und die oft ernüchternden Dates haben mich ermüdet. Elena Rutman und ich haben uns etwas gewünscht, wo man sich ganzheitlicher und authentischer kennen lernen kann.»

Bei «Sensual Speed Dating» treffen jeweils je fünf Frauen und Männer aufeinander, die sich in insgesamt fünf Runden abchecken – und zwar mit allen Sinnen. So finden die ersten drei Runden des Kennenlernens mit verbundenen Augen statt; man berührt sich etwa an den Händen, lauscht der Stimme des anderen, schnuppert seinen Duft. Erst in der vierten Runde werden einem die Augen geöffnet. Maag sagt: «Es braucht zwar ein bisschen Überwindung, aber danach ist diese Erfahrung sehr bereichernd – egal, was dabei rauskommt. Unsere Teilnehmer haben alle von einer sehr inspirierenden Erfahrung gesprochen, weil sie halt echt ist.» Und aus den Treffen seien auch einige erfolgreiche Dates entstanden, fügt Rutman an.

Die beiden haben mit ihrem Konzept Erfolg: Führten sie anfänglich nur in Zürich solche Treffen durch – bis dato sind es insgesamt neun –, finden in diesen Tagen die ersten in Bern statt. Voraussichtlich ab November sollen auch die Basler die Erfahrung des «Sensual Speed Dating» machen können. Und sogar Berlin hat angeklopft: Bereits im September organisieren Maag und Rutman den ersten Anlass in der deutschen Hauptstadt. «Dass die Berliner interessiert sind, ist der Beweis dafür, dass echte Begegnungen wieder richtig hip sind», sagt Maag.

Keine Enttäuschungen

Den Trend des Kennenlernens im realen Leben hat auch die Schweizer Dating-App Meet aufgeschnappt. Auf den Markt gekommen ist sie vor einem Jahr, entwickelt und initiiert wurde sie von drei Bernern. Das Konzept: Online werden lediglich die Bilder des anderen abgecheckt, eine Unterhaltung findet nicht statt, sondern es wird direkt ein Treffen im echten Leben vereinbart. Marcos Lopez von «Meet», sagt der «Nordwestschweiz»: «So wird vermieden, dass vor dem ersten Date zu hohe Erwartungen geschürt werden und sich grosse Enttäuschungen einstellen.»

Die Idee scheint – wie «Sensual Speed Dating» – einem Bedürfnis zu entsprechen: Laut Lopez haben bereits nach einem Monat «Meet» 750 Treffen in der Deutschschweiz stattgefunden. Aktuelle Nutzerzahlen nennt er nicht, nur, dass sich diese auf einem konstanten Niveau bewegen. Nun würde die Expansion nach Deutschland vorbereitet, in Städte wie Berlin oder Hamburg: «Der Grund liegt darin, dass sich aufgrund der Grösse und Dichte dieser Städte Aufwand und Ertrag besser ausbezahlen.»