Alexander Erath, «Mer sind mit em Velo da» heisst ein berühmter Schweizer Hit, die Realität sieht anders aus. Ist das Veloland Schweiz ein Mythos?

Ja, das kann man mit Blick auf die Alltagsmobilität schon so sagen. Hier ist die Schweiz im Vergleich mit den führenden Velostaaten, Holland etwa oder Dänemark, ein Entwicklungsland.

Woran liegt das?

Es gibt in den Städten und Agglomerationen keine lückenlosen Velowegnetze. Das wäre nötig, damit die Pendlermasse aufs Velo steigt. Hier sind neben der Distanz zwei Kriterien entscheidend: Komfort und Sicherheit. Da hapert es noch. Wenn eine gefährliche, mühsame Stelle lauert, verzichten viele aufs Velo. Und steigen etwa in den komfortableren und sicheren öV.

Die Frage ist, was der Bundesbeschluss überhaupt bringt.

Da muss man in der Tat vorsichtig sein. Die Velowege würden zwar künftig in der Verfassung stehen, und der Bund könnte etwa Grundsätze festlegen. Aber eben: Er könnte. Und die Umsetzung bleibt weiterhin bei den Kantonen. Der Bund rechnet mit Kosten von 1,8 Millionen Franken. Da kann zum Beispiel bezüglich Bau neuer Infrastruktur nicht viel passieren.

Also ist der Bundesbeschluss wirkungslos?

Ich sage es mal so: Nach einem Ja zum Bundesbeschluss auf holländische Verhältnisse zu hoffen, wäre sicher ein Fehlschluss. Realistisch ist eher, dass sich mit einem Ja bei der Infrastruktur nicht viel ändern wird. Immerhin werden aber bessere Grundlagen für die Planung und Kommunikation geschaffen.

Was müsste denn passieren, damit sich wirklich etwas tut?

Es bräuchte velofreundlichere Regeln. In Städten, in denen das Verkehrsmittel Velo boomt, wird den zwei entscheidenden Bedürfnissen der Velofahrer besser Rechnung getragen als bei uns: der Sicherheit und dem Komfort. Ein Beispiel: In Holland muss bereits bei deutlich geringerer Verkehrsdichte und signalisierter Höchstgeschwindigkeit ein separater Veloweg gebaut werden. Und daran ändert sich auch bei einem Ja zum Bundesbeschluss nichts. Dabei wird eine bessere Separierung – also abgetrennte Velowege – in Zukunft noch wichtiger.

Weshalb?

Weil immer mehr Leute auf Velos umsteigen, die mit einem Motor ausgerüstet sind. Sie sind mit ihnen schneller unterwegs und können längere Wege zurücklegen. Das verändert auch die Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur. Früher waren Velowege vor allem in den Städten gefragt. Durch die E-Bikes können jetzt auch die Leute, die in den Agglomerationen leben, mit dem Velo zur Arbeit fahren. Für die E-Bikes braucht es daher auch Velowege in den Agglomerationen. Sie sollten wenig Kreuzungen und grössere Kurvenradien aufweisen.