Das Bezirksgericht Zofingen befindet sich am Bahnhof, doch der Hauptangeklagte kommt natürlich nicht mit dem Zug. Marc S.* (52), Vizepräsident der Hells Angels Schweiz, parkiert seine Harley Davidson direkt vor dem Gerichtseingang. Er tritt auf, wie man sich einen Hells Angel vorstellt. Er trägt die berühmte Lederkutte mit dem rot-weissen Schriftzug, über seinem Bauch spannt sich ein schwarzes T-Shirt mit den roten Buchstaben «WELCOME TO HELL». Sein Blick ist grimmig, einzig die Rötung seiner Glatze verrät manchmal eine Gefühlswallung. Er marschiert mit zwei Kameraden im gleichen Outfit auf, die mit verschränkten Armen im Publikum Präsenz markieren. Sie sind gekommen, um Stärke zu zeigen, aber nicht, um Reden zu halten. Sie werden den ganzen Tag fast kein Wort sagen.

Der Hells Angel S. spricht nicht einmal mit den fünf anderen Männern auf der Anklagebank. Es handelt sich um Anhänger von befreundeten Motorrad-Gangs, welche die Hells Angels im Sommer 2013 in einer Prügelei unterstützten. Die Ex-Kollegen treten vor Gericht etwas vornehmer auf und lassen ihre Lederkluft zu Hause. Sie erscheinen mehrheitlich in Jeans und T-Shirts. Anzüge tragen nur ihre Verteidiger und die Richter. Alle Rocker verweigern mehrheitlich die Aussage, nur einer sagt ein paar Sätze und flüchtet sich in Erinnerungslücken. Ihr Leben in einer Parallelwelt soll so geheim wie möglich bleiben. Dennoch erhält das Gericht einen Einblick. Denn ein Mitglied einer verfeindeten Gang wird auspacken.

Rockerkrieg: Hells-Angels-Prozess startet

Der Grund für die Versammlung der Rocker vor dem Bezirksgericht ist eine Prügelei bei der Shell-Tankstelle in Oftringen am Montagabend des 8. Juli 2013. Es war ein heisses Wochenende. Am Freitag hatten sich 180 Hells Angels und Verbündete in Zürich versammelt. Sie wurden von einem Grossaufgebot der Polizei mit Wasserwerfern in Schach gehalten und daran gehindert, auf Mitglieder der verfeindeten Gang Black Jackets loszugehen. Deren Anhänger stammen aus dem Balkan, tragen schwarze Westen mit einer weissen Bulldogge und werden von den Hells Angels in der Schweiz nicht geduldet.

Ein Ziel erreichten die höllischen Engel: Aufgrund der Gefährdungslage verbot die Polizei einen Kampfsport-Anlass mit einem Black-Jackets-Mitglied am Tag danach in Dietikon.

Am Montag nach diesem Wochenende sichtete ein Kumpel des Hells-Angels-Anführers S. zufällig zwei Black-Jackets-Mitglieder bei der Tankstelle in Oftringen. Der eine trug die Lederkutte mit der Bulldogge, der andere ein T-Shirt mit einem Black-Jackets-Schriftzug. Der Späher informierte den Boss, dass sich die verfeindete Gang auf seinem Territorium aufhalte. Die Hells Angels und befreundete Gangs organisierten sofort ein Rundtelefon und bestellten ihre Jungs zur Tankstelle. Viele davon waren Anwärter für eine Mitgliedschaft. Sie waren es sich gewohnt, kurzfristig für unangenehme Einsätze aufgeboten zu werden. Ihr Handy klingelte, wenn das Clublokal geputzt, ein betrunkener Rocker nach Hause chauffiert oder eben einem Gegner eine Abreibung verpasst werden musste.

Der Engel mit dem Panikhaken

Gemäss der Staatsanwaltschaft gingen Marc S. und seine Verbündeten unvermittelt auf die beiden Black-Jackets-Mitglieder los und prügelten diese spitalreif. Die Verteidiger hingegen argumentieren, die Rocker hätten nur das Gespräch suchen wollen und seien dabei von den vermeintlichen Opfern angegriffen worden. Fest steht: Marc S. nahm zu diesem Gespräch einen Schlagstock mit, ein Messer und einen sogenannten Panikhaken an einer Kordel. Die Waffen setzte er zwar nicht ein. Dafür schlug er mit der Faust zu, die in einem mit Karbon verstärkten Handschuh steckte. Damit könnte man einen Stein zertrümmern. Er soll damit dem Gegner ins Gesicht gedroschen haben.

Nach diesem Wochenende ging in der Schweiz die Angst vor einem Rockerkrieg um. Sogar Thomas Würgler, Kommandant der Zürcher Kantonspolizei und Präsident der Schweizer Polizeidirektoren-Konferenz, verwendete den Begriff. Gegenüber der «SonntagsZeitung» sagte er damals: «Wir tolerieren keinen Rockerkrieg. Wir werden hart und konsequent durchgreifen.»

In den Neunzigerjahren machten die Hells Angels mit Bandenkämpfen in Skandinavien und in den 2000er-Jahren in Deutschland Schlagzeilen. In der Schweiz versuchte die Bundesanwaltschaft, die Hells Angels als kriminelle Organisation zu verbieten und scheiterte damit glorios. 2012 verurteilte das Bundesstrafgericht drei Angeklagte zu milden Strafen.

Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm führte ihr Verfahren nur am Anfang mit Hochdruck. Nach einigen Monaten stoppte sie es, um ein anderes Verfahren abzuwarten. Denn Marc. S. ging nach der Entlassung aus der U-Haft bald wieder auf einen Gegner los. 2016 wurde er dafür vom Aargauer Obergericht zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten bedingt verurteilt. So kam es, dass das Bezirksgericht nun eine fünf Jahre alte Schlägerei zu beurteilen hat.

Belgrad-Hooligan packt aus

Die Ereignisse vom Sommer 2013 sind nach dem Auftritt der Ex-Freundin des damaligen Black-Jacket-Mitglieds und Prügelopfers Nenad G.* allerdings sofort wieder bildhaft präsent. G. war damals 22 Jahre alt. Die Ex-Freundin blickt auf den bulligen Marc S. sowie seine Kameraden und sagt: «Was kommt denen in den Sinn? Die Opfer könnten teilweise die Söhne dieser Männer sein.» Sie selber sei von einem Faustschlag an der Schulter getroffen worden. Als sie das zerschlagene Gesicht ihres Ex-Freundes beschreiben soll, beginnt sie zu schluchzen. Ein Verteidiger eines Schlägers reicht einem der sechs Polizisten, die den Saal bewachen, ein Taschentuch, das dieser der jungen Frau weiterreicht. Sie fährt fort: «Sein Augenlid war aufgeplatzt, er blutete aus dem Mund, er sah völlig demoliert aus. Ich hatte Angst, dass er innere Verletzungen hat.»

Nenad G. tritt ebenfalls als Zeuge auf. Er hat allerdings kein Interesse an einer Verurteilung seiner Gegner, da er mit der Sache abgeschlossen habe. Er habe ein neues Leben begonnen. Damals war er fett, heute ist er schlaksig. Sein Auftritt zeigt jedoch, dass er im Geist ein Halbstarker geblieben ist. Er spielt den Vorfall herunter, um zu demonstrieren, dass ihm ein paar Schläge nichts anhaben könnten. Er prahlt von seiner Vergangenheit als Hooligan von Partizan Belgrad und europaweiten Kämpfen. «Das waren richtige Schlägereien», sagt er. Das Bild von einem Freund, wie er ein Auge durch einen Steinschlag verliere, habe er noch heute im Kopf. Ein anderer sei gelähmt worden.

Er berichtet von Russland: «Einmal wurden wir von über fünfzig Monstern von Spartak Moskau angegriffen.» Dabei habe er seine Angst verloren. Ein Angriff von einem Dutzend Schweizer Rockern sei nichts dagegen. Die Prügelei in Oftringen sei einfach zu erklären: Die Präsidenten der Hells Angels und der Black Jackets seien verfeindet. Jeder habe gewusst, dass es Ärger gäbe, wenn die Black Jackets ihre Westen in der Öffentlichkeit tragen. Sein Kumpel sei eben nicht der Gescheiteste und habe es trotzdem getan. Da habe es geknallt.

Diese Welt der Gewalt ist selbst für den Staatsanwalt schwer vorstellbar. Verdutzt fragt er, wie man sich das denn vorstellen müsse. G. antwortet: «Es läuft genau so, wie das in ‹Spiegel TV› oder RTL erklärt wird. Die machen ganz gute Dokumentationen.»

Staatsanwalt Burger beschreibt die Hells Angels in seinem Plädoyer als eine geschlossene Subkultur, die nach eigenen Gesetzen lebe und sich von der Gesellschaft abgrenze. Nun könne man ja denken, was kümmere es uns, wenn die sich gegenseitig verprügeln, gibt er zu bedenken. Zwei Gründe sprächen dagegen: Es könnte auch Unbeteiligte wie G.’s Freundin treffen und es könnte eine Spirale der Gewalt entstehen.

Die vor dem Gericht parkierte Harley von Marc S. sieht der Staatsanwalt als Botschaft an die Justiz: «Ihr mögt die Herren da drin sein, aber wir sind es draussen.» Das könne man nicht tolerieren und erfordere eine deutliche Antwort des Staates. Im Fall von Marc S. fordert er eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren. Für die Mittäter hält er 2½ bis 3½ Jahre für angemessen. Eine Antwort gibt der Staat schon während der Verhandlung. Die Harleys vor dem Gericht werden umparkiert.

*Namen der Redaktion bekannt.