Der 2016 verstorbene italienische Universalgelehrte Umberto Eco hat ein wunderbares Buch geschrieben. «Die Geschichte der legendären Länder und Städte». Es geht um die Welten, die sich die Menschen seit Anbeginn der Zeiten erträumen. Vom Garten Eden über die Orte auf Tolkiens Mittelerde, Gullivers Inseln, das Schlaraffenland bis hin zu Atlantis, Mu und Lemuria.

Wir wissen natürlich, dass es all diese phantastischen Länder und Städte nicht gibt. Und doch üben sie eine ewige Faszination aus.

Traum von einer phantastischen Welt

Was hat das alles mit dem helvetischen Eishockey zu tun? Nun, unsere Hockey-Macher träumen auch in regelmässigen Abständen von einer phantastischen Welt. Von einer eidgenössischen Liga, in der die Spielerlöhne sinken, formidables ausländisches Personal für höchstens 80'000 Fränkli seine Künste vorträgt, das einheimische Personal in der dritten und vierten Linie weniger als 100'000 Franken verdient und sich die roten Zahlen schwarz verfärben. Sie träumen von einer Liga, so phantastisch wie Atlantis, Mittelerde, Mu und Lemuria.

Der grandiose Erzähler Umberto Eco begnügte sich damit, uns diese phantastischen Welten zu schildern. Unsere klugen Hockeymacher gehen weiter: sie glauben den Schlüssel zu diesen Welten zu haben: die Erhöhung des Ausländerkontingentes von heute vier auf wahlweise sechs, acht oder zehn. Inzwischen sinnieren sie bei jeder Liga-Zusammenkunft über mehr Ausländer.
Erstaunlicherweise sind so kluge Männer und Manager wie SCB-General Marc Lüthi von dieser Idee fasziniert.

Gute Gründe nur auf den ersten Blick

Das zentrale Argument ist auf den ersten Blick ja auch bestechend: es gibt doch genügend Spieler drüben in Amerika, oben in Dänemark, Finnland und Schweden, vielleicht sogar unten im Südtirol, die besser sind als unsere Dritt- und Viertlinien-Helvetier und nur halb so viel kosten. Die sich für 60'000 bis 80'000 Franken verdingen.

Wenn wir nun die Anzahl Ausländer erhöhen – sagen wir mal auf sechs – dann wird der dritte und vierte Block günstiger. Weil wir billige Ausländer statt teure Schweizer einsetzen. Und wenn ein smarter Agent frech für einen Drittlinienflügel 220'000 Franken verlangt, dann kann der Sportchef sich lächelnd zurücklehnen und sagen: «Weisst Du was Dani, da nehmen wir doch lieber einen günstigeren Ausländer …»

Mindestens eine Million teurer

Es gibt noch ein weiteres scheinbar starkes Argument: um die Jahrhundertwende spielten nur einzelne Schweizer in Nordamerika. Inzwischen liesse sich mit den Übersee-Eidgenossen eine Meistermannschaft zusammenstellen.

Dieser Abgang der Besten kann mit ausländischen Spielern kompensiert werden. Nur durch mehr Ausländer lässt sich das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Spielermarkt wieder einigermassen ins Lot bringen.

Fassen wir zusammen: mehr Ausländer helfen, die Lohnkosten zu senken und die Qualität des Spektakels wird erst noch besser. Und wie ist es in der richtigen Welt? Es gibt keine billigen Ausländer. Mehr Ausländer treibt die Löhne weiter in die Höhe. Werden sechs statt wie bisher vier erlaubt, wird jede Mannschaft um mindestens eine Millionen Franken teurer.

Marc Lüthi und andere kluge Männer bestreiten dies vehement. Weil sie die wahre Natur des Sportkapitalismus unterschätzen oder gar ausblenden. Obwohl sie doch tüchtige Sportkapitalisten sind.

Das Streben nach Ruhm und Titeln liegt in der Natur des Sportes. Der Wettbewerb findet aber nicht nur auf dem Spielfeld statt. Diese Dynamik wirkt auch auf dem Spielermarkt. Sportunternehmen konkurrenzieren sich sportlich und wirtschaftlich.

Die Hochpreisinsel Schweiz

Tatsächlich gibt es drüben in Amerika, oben in Dänemark, Finnland und Schweden, vielleicht sogar unten im Südtirol Spieler, die mindestens das Niveau eines eidgenössischen Operetten-Internationalen haben und nicht mehr als 80'000 Franken kosten. Sie verdienen so wenig, weil ihnen bisher in Europa kein Sportchef, der bei Sinnen ist, mehr Geld anbietet.

Wenn nun bei uns durch die Erhöhung von vier auf sechs Ausländer 24 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, wird die Nachfrage angeheizt. Die Spieleragenten haben heute schon zwei verschiedene Preislisten. Eine für die Schweiz und eine mit halben Preisen für die übrigen europäischen Ligen.

Unsere Klubs werden zwar sehr gut gemanagt. Deshalb ist die National League die erfolgreichste Liga ausserhalb Europas. Aber wenn es um ausländische Arbeitskräfte geht, sind sie zu gutgläubig, ja oft gar naiv. Deshalb bezahlen sie mit Abstand die höchsten Löhne ausserhalb der NHL und KHL, zwischen 30 und 80 Prozent zu viel. Ohne Not.

Hie und da findet ein Klub, begünstigt durch besondere Umstände, auf dem Ausländertransferwühltisch tatsächlich eine Rolex. Aber das sind Ausnahmen.

Das kopflose Nachrüsten

Unter diesen Voraussetzungen sechs Ausländer zu bewilligen, wäre fatal. Keiner der zusätzlichen Schweden, Kanadier, Dänen, Amerikaner, Tschechen oder Finnen würde für weniger als 200 000 Franken netto unterschreiben. Was tatsächliche Kosten von mindestens 400 000 Franken nach sich zieht.

Unsere Sportchefs sind die einzigen der Welt, die allen ausländischen Arbeitskräften ein teures Rundum-Wohlfühlpacket mit bezahlten Steuern, Gratiswohnung, Gratisschulen für die Kinder plus Gratisauto und Gratisflugtickets anbieten. Was bei jedem ausländischen Spieler Zusatzkosten in sechsstelliger Höhe verursacht.

Weil sportlich nur konkurrenzfähig ist wer gute Ausländer hat, werden auch die Kosten für die Ersatzausländer ausufern, die während der Saison laufend eingestellt werden. Die Sportchefs haben ja bereits Mühe, die vier Positionen gut zu besetzen. Erst recht werden sie nicht dazu in der Lage sein, sechs gute ausländische Spieler zu rekrutieren. Wenig hat in den letzten 20 Jahren den Klubkassen so sehr geschadet wie das kopflose Nachrüsten auf den Ausländerpositionen während der Saison.

Marc Lüthi argumentiert, man müsse halt das Scouting verbessern, um günstige Ausländer zu finden. Ausgerechnet dieser kluge Rechner blendet aus, dass dieses Scouting, soll es erfolgreich sein, auch viel kostet und die fähigen Leute dafür gar nicht auf dem Markt sind.

Meister nur mit guten (teuren) Ausländern 

Und warum würde keiner der neuen «Imports» unter 200 000 Franken netto unterschreiben? Ganz einfach: weil die Klubs jedem so viel oder mehr bezahlen werden. Alle brauchen ja gute Ausländer. Gerade auf dieser Position darf man nicht sparen. Sonst werden wir nicht Meister. Oder sonst schaffen wir die Playoffs nicht. Oder sonst steigen wir am Ende gar noch ab.

Zusätzlich käme eine Preistreiberei in Gang, weil sich die Sportchefs gegenseitig noch viel mehr als bisher die guten ausländischen Spieler abjagen würden.

Aber würden dann die Schweizer für die dritte und vierte Linie nicht billiger? Nein. Wenn ich Meister werden, in die Playoffs kommen oder nicht absteigen will, dann brauche ich auch mindestens so gute Schweizer für die dritte und vierte Linie wie meine Konkurrenz. Oder bessere.

Nicht die teuren Schweizer für den dritten und vierten Block würden durch die zusätzlichen Ausländer vom Markt gedrängt. Sondern die günstigsten eigenen Nachwuchsspieler. Zwei zusätzliche Ausländer wären praktisch das Ende für die wettkampfmässige Ausbildung der jungen Spieler.

Schliesslich und endlich kommt dazu, dass der Mangel an einheimischen Spielern bei weitem nicht so gross, wie immer wieder gerne behauptet wird.

Die Schweiz ist bei allen Nachwuchs-Weltmeisterschaften in der höchsten Leistungsstufe präsent. Die Nachwuchsausbildung der Klubs ist exzellent.

Keine Chance ohne Bart

Die Sportchefs müssten bloss ihre Coaches dazu bringen, den eigenen Talenten eine echte Chance zu geben. Und nicht nur in Alibi-Einsätzen in den letzten zehn Minuten beim Stande von 4:0.

Zug baut einerseits eine grandiose Nachwuchsakademie auf, beschäftigte aber andererseits in den letzten vier Jahren mit Harold Kreis einen Trainer, der fast nur durch Androhung von Gewalt dazu gebracht werden konnte, hie und da eines der Talente aufs Eis zu lassen. Ende der letzten Saison ist er endlich gefeuert worden.

Und der SCB beschäftigt mit Kari Jalonen einen Bandengeneral, der jedem misstraut, der keinen Bartwuchs hat und nicht mindestens 25 ist. Die günstigen eigenen Junioren (Marco Müller, Samuel Kreis, Luca Hischier, Dario Meyer) müssen ihre Karriere anderswo retten und dafür sind teure Mitläufer (Daniele Grassi, Gregory Sciaroni, Matthias Bieber) eingekauft worden.

Wenn alle Cheftrainer so mutig den Jungen eine Chance geben würden wie Luca Cereda in Ambri oder Arno Del Curto in Davos, dann käme die Idee, den eigenen Talenten zusätzliche Ausländer vor die Nase zu setzen gar nicht erst auf.

Manager vergessen alle Vorsätze

Das wunderbare am Sport sind die Emotionen. Deshalb lieben wir den Sport und erst recht das Eishockey. Zu den Nebenerscheinungen gehört allerdings, dass diese Emotionen eher früher als später auf die Büros der Manager übergreifen und sie alle guten Vorsätze vergessen lassen.

Zwischen Mai und August träumen sie von Eishockeywelten wie aus dem Buch von Umberto Eco. Mit vielen billigen Ausländern, noch billigeren Schweizern, schwarzen Zahlen und Ruhm und Siege für alle. Zwischen September und April vergessen die meisten in den Emotionen des Tagesgeschäftes alle guten Vorsätze.

Die aktuelle Ausländer-Beschränkung (vier pro Team) ist ein kluger helvetischer Kompromiss. Genau richtig für unser Hockey. Eine wirkungsvolle Schulden- und Dummheitsbremse die unsere Sportchefs und Manager vor unsinnigen Ausgaben bewahrt.

Ja, die Lösung mit vier Ausländern ist einer der erfolgreichsten Kompromisse unseres Sportes. Dass es ohne ausländische Spieler nicht geht, ist ja ebenso unbestritten wie die Erkenntnis, dass eine unbegrenzte Anzahl unser Hockey ruinieren würde. Vier Ausländer sind gerade richtig.

Diese Formel geht nicht auf

Sollte es zu einer Abstimmung über die Erhöhung der Anzahl Ausländer kommen, ist es in Tat und Wahrheit eine Abstimmung darüber, ob die Kosten pro Mannschaft um mindestens eine Million erhöht, der Einbau von jungen Spielern praktisch verunmöglicht und die Klubs mit begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten ruiniert werden sollen.

Die Erhöhung der Anzahl Ausländer ist uns in den letzten Tagen wieder einmal als die einfache Lösung für ein so komplexes Problem wie die Lohninflation im helvetischen Eishockey angepriesen worden. Da geben wir Umberto Eco das letzte Wort: «Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.»