Der ungewohnte Court 1 brachte Federer ein ungewohntes und unerwünschtes Resultat. Erst zum fünften Mal – zum zweiten Mal in Wimbledon – verlor er eine Partie, in der er die ersten beiden Sätze gewonnen hatte. «Das sind zu viele, viel zu viele», meinte er auf die Feststellung, dass dies doch sehr selten vorkomme. «Deshalb tun sie extrem weh.» Aber es könnte halt passieren, dass einem ein Match wie Sand durch die Hände gleite.

Anderson sehr konstant:

«Ich hatte meine Chancen, deshalb bin ich natürlich enttäuscht, aber er spielte sehr konstant und solid. Er rief in den wichtigsten Moment seine bestes Tennis ab. Ich hingegen konnte ihn am Ende einfach nicht mehr überraschen.»

Weh tut sie auch, weil die Niederlage ziemlich aus heiterem Himmel kam. Seit der Halbfinalniederlage vor zwei Jahren gegen Milos Raonic hatte Federer in Wimbledon keinen Satz mehr verloren und mit dem Ende des ersten Durchgangs 85 Aufschlagspiele in Folge gewonnen. Gegen die Weltnummer 8 Anderson entglitt ihm die Partie aber Stück für Stück.

Wie im Fussball:

«Es lief oft einfach nicht für mich. Ich hatte meine Möglichkeiten, er spielte in diesen Momenten einfach besser. Es war ein bisschen wie im Fussball: Wenn du sei vorne nicht machst, kriegst du sie hinten.»
Die Partie zwischen Federer und Anderson in Bildern:

Auch im fünften Satz hatte Federer nochmals alle Chancen, für eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu sorgen. In den ersten 22 Games des Entscheidungssatzes hatte er die einzige Breakchance, die Anderson beim Stand von 3:4 mit einem Servicewinner zunichte machte. Auch danach stand der 36-jährige Basler mehrere Male zwei Punkte vor dem Sieg.

Kein Kraftproblem:

«Ich hatte noch genug Energie im fünften Satz. Natürlich ist es enttäuschend, wenn du die ersten beiden Sätze gewinnst, einen Matchball hast und dann zwei Sätze verlierst. Ich fühlte mich aber nicht müde oder so.» 

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Doch Anderson hatte bis zu dem Zeitpunkt längst Blut geleckt und Vertrauen gefasst. Ausgerechnet beim Stand von 11:11 und 30:30 unterlief Federer sein einziger Doppelfehler der Partie - und der Südafrikaner nutzte seine einzige Breakchance des gesamten fünften Satzes dank eines Vorhandfehlers von Federer zur Vorentscheidung. Nach 4:14 Stunden verwertete er seinen ersten Matchball standesgemäss mit einem Aufschlagpunkt zum ersten Sieg im fünften Duell mit dem Schweizer.

Ein schreckliches Gefühl:

«Ich hasse es hier zu sein, um Niederlagen zu erklären. Das ist das schrecklichste Gefühl, dass du als Tennisspieler haben kannst. In Wimbledon schmerzen die Niederlagen noch mehr.»

Im Nachhinein konnte Federer nicht genau festmachen, wo ihm die Kontrolle über den Match entglitten war. «Es waren viele kleine Punkte. Vielleicht war es beim vergebenen Matchball.» Der kam im dritten Satz beim Stand von 5:4 und Aufschlag Anderson. Federer verschlug einen schwierigen Rückhand-Passierball. «Vielleicht war es auch, als ich bald danach bei 5:5 meinen Aufschlag verlor.»

Fünf Punkte mehr für Federer:

Die Statstiken zum Spiel.

Von der Grundlinie unterlegen

Gestartet war der achtfache Wimbledon-Champion auf dem Court 1, auf dem er vor drei Jahren letztmals gespielt hatte, hervorragend. Er schaffte gleich im ersten Game ein Break gegen den bekannt starken Aufschläger (28 Asse) und gewann den ersten Satz in nur 26 Minuten. Danach fand aber Anderson immer besser ins Spiel und war erstaunlicherweise auch von der Grundlinie der bessere Spieler. Vor allem mit der Vorhand unterliefen Federer ungewohnt viele Fehler.

Kein gutes Gefühl:

«Ich fühlte mich von der Grundlinie heute nie richtig wohl. Ich konnte die Ballwechsel nichts so gestalten, wie ich das gerne wollte. Ich fühlte mich nie bei 100 Prozent. An solchen Tagen hoffst du, irgendwie durchzukommen. Fast hätte es geklappt, ich hätte gewinnen können oder müssen.» 

«Ich fühlte mich von der Grundlinie nicht besonders gut», bestätigte der Basler diesen Eindruck. «Besonders der Eins-zwei-Punch (der schnelle Punktgewinn mit zwei aggressiven Schlägen) funktionierte nicht. So schaffte ich es nicht mehr, ihn in Bedrängnis zu bringen.» Federer sprach von einem «durchschnittlichen» Tag. «Kein schlechter», betonte er. «Aber eben nur ein durchschnittlicher.» Anderson habe sicher «sehr gut» gespielt. «Aber ich hätte mir gewünscht, ihn noch mehr pushen zu können, dass er noch ausserordentlicher hätte spielen müssen, um zu gewinnen.»

Kein neunter Wimbledon-Titel für Federer – zumindest vorerst nicht ...

Eine Welt gehe nun nicht unter, betonte Federer, der zum insgesamt fünften Mal bei einem Grand-Slam-Turnier nach einem oder mehreren eigenen Matchbällen noch verlor. Die Müdigkeit, die er noch in Halle nach neun Spielen in zwölf Tagen verspürt hatte, sei kein Thema mehr. «Ich hatte in der ersten Woche genug Zeit, mich zu erholen.» Er wird sich nun auf die Hartplatz-Tournee in Nordamerika vorbereiten. Den Kampf um die Nummer 1 hat er zumindest bis zum US Open, wo Rafael Nadal seinen Titel verteidigen muss, verloren. 

He will be back!

«Ich weiss noch nicht, wie lange es gehen wird, bis ich über diese Niederlage hinweggekommen bin. Vielleicht ein Weilchen, vielleicht eine halbe Stunde. Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr wieder zu kommen.»
(pre/sda)