Das Smartphone ist zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt. Die Schreibmappe in der einen, Kopfhörer in der anderen Hand. Milos Malenovic begrüsst mich kurz aber freundlich und bittet mich bereits in sein Büro, während er weiter am Telefon die Strasse rauf und runter tigert. 

Da sitze ich nun endlich im Büro der Spieleragentur «Soccer Mondial». Es hat sich über Wochen hingezogen, einen Termin zu finden. Milos Malenovic ist ein vielbeschäftigter Mann und kaum in der Schweiz. Bruder Milan Malenovic, der ebenfalls in der Agentur arbeitet, führt mich herum. Kurze Zeit später ist auch Milos bereit. Mehr oder weniger.

Herr Malenovic, es scheint, als seien Sie derzeit ziemlich im Stress. 
Milos Malenovic: Ich bin eigentlich immer im Transferstress, das ist völlig normal in meinem Beruf, ich habe selten Ruhe. Ich muss mich gleich nochmals für einige Minuten entschuldigen, sorry.

Milos Malenovic verschwindet in seinem Büro. Während mir Bruder Milan ein Wasser bringt, darf ich mich entscheiden, ob ich meine Zeit in der Lounge lieber in eines der Fussball-Taktik-Bücher investiere oder mich dem Fussball, der auf zwei Flatscreens läuft, widme. Wenig später kommt Malenovic aus seinem Büro und entschuldigt sich nochmals. Er habe noch etwas Wichtiges klären müssen.

Läuft das immer so bei Ihnen?
Ja, ich bin gerade zum ersten Mal seit vier Monaten für mehr als zwei Tage in der Schweiz. Sonst bin ich immer unterwegs, ich fliege praktisch jeden Tag.

Das Transferfenster ist geschlossen. Wie sieht Ihre Bilanz aus? 
Wir haben 24 Abschlüsse gemacht diesen Sommer. Die meisten davon waren Transfers, es sind jedoch auch Vertragsverlängerungen darunter.

Welches war der spektakulärste Transfer des Sommers?
Dass wir Filip Benkovic von Dinamo Zagreb zu Leicester City in die Premier League transferieren konnten, ist besonders schön. Doch der Wechsel von Dusko Tosic von Besiktas Istanbul nach China zu Guangzhou R&F überstrahlt alles. Er hat mit seinen 33 Jahren einen hoch dotierten Vertrag unterschrieben. 

Bei Besiktas verdiente Tosic geschätze 1,5 Millionen Euro im Jahr, nun sollen es – so schreiben es die Medien – rund 6 Millionen Euro sein. Für Sie muss sich der chinesische Markt wie das Schlaraffenland anfühlen.
Das war schon eine krasse Geschichte bei Tosic. Doch ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie lange das in China anhält. Und ich weiss, worauf Sie hinaus wollen. Aber wir versuchen jetzt nicht, Spieler primär nach China zu transferieren.

Warum nicht? 
Dusan Tadic (29, war bei Southampton) zum Beispiel, der hatte Angebote aus China – mit einem unmoralischen Gehalt. Doch für ihn wäre es in dieser Situation der falsche Schritt gewesen. Deshalb wechselte Tadic, nach Absprache mit uns, zu Ajax. Dort ist er jetzt Schlüsselspieler und überglücklich. Es geht darum, was für den Spieler die beste Lösung ist. 

Gibt es einen Spieler, den Sie gerade besonders gerne unter Vertrag hätten?
Jadon Sancho von Borussia Dortmund. Es ist überwältigend, ihm zuzusehen mit diesem Vertrauen und Speed. Dazu arbeitet er defensiv und macht viele Sprints ohne Ball. Er ist ein gutes Beispiel für unsere Jungs. Wir haben schon Videos zusammengeschnitten von ihm und unseren Spielern gezeigt.

Können Sie an einem konkreten Beispiel erklären, wie so ein Transfer zustande kommt?
Moritz Bauer war bei den Grasshoppers oft nur noch Ersatz, spürte, dass er stagniert. Damals ist er deshalb zu mir gekommen, weil er nicht mehr weiter wusste.

Und Sie haben ihn einfach aufgenommen? Ich dachte, Sie sind ziemlich restriktiv, was die Auswahl Ihrer Spieler angeht.
Das ist so, wir erhalten täglich Anrufe von Spielern, die gerne mit uns zusammenarbeiten würden – auch international. Aber selbst die grössten Talente nehmen wir nicht, wenn sie eine schlechte Einstellung haben. Es sind ein paar ganz leger hier im Büro gesessen, die hatten das Gefühl, sie sind die Grössten. Denen habe ich knallhart gesagt: Danke, dass du hier warst – und tschüss.

Sie lehnen schwierige Spieler ab, egal wie viel Talent sie haben?
Wenn ich einen Spieler vor mir habe, der zwar Qualitäten hat, aber nicht die richtige Mentalität mitbringt, dann ja. Ich schlafe sowieso schon wenig, aber mit so einem Spieler unter Vertrag schlafe ich dann gar nicht mehr. Langfristig geht es mit solchen Typen nicht gut.

Was braucht es?
Es ist immer ein Paket. Ganz wichtig ist dabei die Frage: «Was ist der Spieler bereit zu tun?» Natürlich muss die Qualität stimmen. Wir müssen das Potenzial für eine Auslandkarriere sehen. Wenn wir bei einem merken, der kann es ins Mittelfeld der Super League schaffen, dann nehmen wir ihn nicht. Das ist unsere klare Philosophie.

Moritz Bauer haben Sie mehr zugetraut.
Ja. Ich wusste, er ist technisch sicher nicht der beste meiner Spieler, aber er hat eine Riesenmentalität. Als er bei mir im Büro sass, habe ich ihn gefragt: «Bist du bereit, alles für deine Karriere zu machen? Wenn ich dir sage, du läufst mit dem Kopf in die Wand, machst du das?» Er sagte «ja», wir haben eingeschlagen und begonnen, zusammen zu arbeiten. Und schau', wo er jetzt steht. 

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Er wurde bei Stoke City zum Stammspieler in der Premier League. Zuvor war er bei Rubin Kasan in Russland. Wie konnten Sie ihn dahin transferieren?
Ich hab mich mit den Klubverantwortlichen in einem Restaurant getroffen. Da ging es gar nicht um Moritz, wir haben einfach etwas gesprochen. Dann sind wir auf die Position des Rechtsverteidigers gekommen, da hatten die Russen auf die neue Saison Bedarf. Ich sagte, ihr werdet mich für einen Idioten halten, aber ich hätte da einen Guten, der Power hat, schnell und sehr intelligent ist. 

So einfach geht das?
Überhaupt nicht. Als erstes haben sie mich ausgelacht. Dann habe ich gesagt, dass Moritz auch Angebote aus Spanien und Deutschland vorliegen hat. Auf einmal haben sie begonnen, sich mit dem Spieler auseinander zu setzen. Das heisst, sie haben Videos geschaut, ihn live beobachtet und schlussendlich wollte ihn der Kasan-Trainer unbedingt.

Dann sind Sie mit dem Angebot zu GC?
Genau. Der erste Schritt war getan, nun musste ich mit dem Klub schauen. Die Grasshoppers haben sich dann nach langen und schwierigen Verhandlungen bereit erklärt, ihn zu verkaufen. Allerdings nur für eine vorgeschriebene Ablösesumme, welche nur Kasan zu bezahlen bereit war. Deshalb hat es geheissen: Nach Kasan oder hier bleiben.

Bauer hat den Schritt gewagt ...
... und es nicht bereut. Es kamen während seiner Zeit in Russland Angebote von kleineren Teams aus der Bundesliga, doch Bauer wollte lieber bleiben. Erst als die Premier League anklopfte, sind wir ernsthaft zusammengesessen. Dass er es zum Stammspieler in der Premier League bei Stoke City gebracht, dass er diesen Weg gemacht hat, ist das schönste in meinem Job. Dieses Gefühl, es ist wie eine Sucht.

So reibungslos laufen aber bestimmt nicht alle Transfers.
(Lacht) Überhaupt nicht. Da habe ich schon Dinge erlebt, das können Sie sich nicht vorstellen. 

Das kann ich mir tatsächlich nicht vorstellen. Helfen Sie mir.
Munas Dabbur sollte bereits im Januar 2016 von GC zu Salzburg wechseln. Die Vereine konnten sich nicht einigen und der Salzburg-Sportchef hatte keine Geduld mehr. Also fuhr er mit dem Auto nach Zürich und kam unangemeldet beim GC Campus vorbei. Er klopfte an die Tür des Sportchefs und sagte: «Hallo, ich würde gerne den Munas gleich mitnehmen». Er habe die GC-Verantwortlichen nicht mehr erreicht und gedacht, er komme einfach vorbei. Der Transfer kam dann erst ein halbes Jahr später zustande. 

Das Telefon von Milos Malenovic vibriert. Er zeigt mir das Display. Der Berater von Kevin Mbabu rufe ihn an. Malenovic drückt ihn weg, er rufe später zurück. Es ist eines von vielen Malen, dass Malenovic während unseres Gesprächs angerufen wird.

Spielerberater haben immer noch ein schlechtes Image, auch in der Schweiz. Es heisst, sie drängen Spieler zu Transfers und kassieren dadurch ab.
Ich kann hier nur für mich sprechen, aber das ist Quatsch. Wir verdienen bei unterschriebenen Verträgen. Das sind zirka fünf bis zehn Prozent des Jahresgehaltes des Spielers. Ich setze lieber auf Stabilität und Kontinuität, schliesslich werden wir jährlich bezahlt.

Wenn also ein Spieler ein Jahresgehalt von einer Million Franken hat, verdienen Sie bis zu 100'000 Franken.
Sie hören jetzt 100'000 Franken und denken, das ist viel. Aber für eine Firma ist das nichts. Unsere Fixkosten für Flüge, Hotel und Spesen sind enorm. Wir sprechen hier von jährlichen Ausgaben im siebenstelligen Bereich.

Aber Sie verdienen bestimmt sehr gut? 
(Lacht) Ich kann meine Rechnungen bezahlen.

Fussballer haben oft Mühe, mit Geld umzugehen. Wie unterstützen Sie die Spieler?
Wenn du plötzlich zehn Mal mehr verdienst als vorher, ist das nicht einfach – für jeden Menschen. Du siehst auf dein Konto und merkst plötzlich: Ich kann mir alles kaufen, was ich will. Man muss es erlebt haben, um zu wissen, wie sich das anfühlt. In dem Moment schreite ich ein.

Malenovic nimmt einen kleinen Notiz-Block und zeichnet auf, was er seinen Spielern rät. Das sieht, etwas ausführlicher illustriert, dann etwa so aus:

Die Anlagephilosophie von Milos Malenovic – die meisten seiner Spieler sind damit einverstanden.

Erklären Sie.
Die Spieler sollen sich schon etwas leisten können, aber nicht alles verprassen, sondern auch in ihre Karriere investieren, zum Beispiel mit Personaltrainern oder eigenen Köchen. Einen grossen Teil des Geldes sollten sie auf die Seite legen. Dann können wir zusammen entscheiden, was die beste Anlagestrategie ist. 

Geld in die eigene Karriere investieren heisst, Geld in den eigenen Körper zu investieren. 
Heutzutage geht Profifussball gar nicht mehr ohne top, top, top fit zu sein. Darum erwarte ich auch, dass meine Spieler mehr trainieren als andere. Es hat einen Grund, weshalb ich meinen Spielern sage, dass Cristiano Ronaldo das perfekte Vorbild ist.

Weil er so gut trainiert ist?
Nicht nur, er ist auf allen Ebenen ein absoluter Profi. Alles, was er macht, hat einen Plan. Er will immer der Beste sein und arbeitet deshalb wie ein «Gestörter». Ronaldo hat so viel erreicht dank seiner Mentalität. 

Sie sprechen immer wieder an, wie wichtig die Einstellung und Mentalität der Spieler ist. Was bedeutet das konkret?
Gerade kürzlich hat mir der Sportchef von Hoffenheim ein Video geschickt. Es zeigt Steven Zuber, wie er während seiner Freizeit alleine mit 20 Bällen auf dem Vereinsgelände ist und trainiert. Genau darum geht es. 

Sie haben auch einige «Talente» unter Vertrag. Also Spieler, die sich noch nicht bei den Profis durchgesetzt haben. Einige der Spieler sind noch ziemlich jung, woher kennen Sie diese?
Ich habe Scouts, welche diese Juniorenspiele schauen. Ich will, dass wir als Agentur jedes Talent ab 12 Jahren in der Schweiz kennen.

Was raten Sie jungen Spielern?
Unbedingt in der Schweiz zu bleiben. Es bringt nichts, schon früh ins Ausland zu wechseln. Das ist meine Philosophie. Ohne Ausnahme.

Wäre das für Sie finanziell nicht lukrativ?
Doch natürlich, für einen Transfer mit 16 Jahren zu einer Jugendmannschaft eines Topklubs in England oder Italienbekäme ich eine hohe Provision. Aber das bringt nichts.

Warum nicht?
Weil der Spieler nicht weiterkommt. Gerade in England haben die Spieler kaum eine Chance, es in die erste Mannschaft zu schaffen. Sie sind dort eines von hundert Talenten und die Vereine kaufen jedes Jahr wieder hundert neue Talente. Aber da ist kein Projekt dahinter, wo es darum geht, die Jungen in die erste Mannschaft zu pushen. Ausserdem ist die Ausbildung dort nicht besser als bei uns in der Schweiz.

Im Ausland gescheiterte Talente können dann ja immer noch zurückkehren.
Das ist psychologisch schwierig. Die tragen jahrelang das Logo eines Grossklubs, für dessen erste Mannschaft sie nie spielen werden. Sie sind bezüglich Infrastruktur etc. verwöhnt und sehen sich schnell als etwas Besseres. Wer will denn von Chelsea zurück in die Super League? Dann versuchen sich diese Spieler zum Beispiel in der 2. englischen Liga – und sehen in dieser Fighter-Liga keinen Ball.

Warum gehen dann trotzdem viele Jugendspieler diesen Weg übers Ausland?
Es lockt der Name der grossen Vereine. Dazu kommt, dass diese Klubs schon Teenagern das vier- oder fünffache eines Schweizer Vereins zahlen. Vor allem bei Spielern aus finanziell eher schwachen Familien ist die Verlockung gross, diesem Geld zu erliegen. Aber genau darin liegt die Kunst als Berater. Die Spieler und Familien zu überzeugen, dass dies der falsche Weg ist.  

Die Spieler sollen sich erst in der Schweiz durchsetzen. 
Genau. Es ist das Ziel, dass sich der Spieler so schnell wie möglich in der Super League etabliert, danach kann er ins Ausland wechseln. Mir geht es um die Entwicklung der Spieler und nicht darum, sie schnell zu transferieren. Wenn ausländische Klubs sehen, dass ein junger Spieler schon Stamm spielt, ist es für diesen im Nachhinein finanziell lukrativer. Man sollte immer langfristig denken und Schritt für Schritt nehmen. Aber in der Schweiz ist es für junge Spieler generell nicht einfach.

Warum?
Schauen Sie doch mal die jüngere Vergangenheit an. Ausser Michel Decastel und Marc Schneider ist kein Trainer länger als ein Jahr im Amt. Der Geduldsfaden reisst so schnell, wie soll ein Trainer das Risiko eingehen, einen jungen Spieler einzusetzen, ja, zu etablieren? Junge Spieler brauchen Zeit, um sich zu entwickeln und diese Zeit haben die Trainer einfach nicht. Es ist alles so schnellebig. Die Klubs schauen nur auf den kurzfristigen Erfolg, und das schlägt sich auf die Trainer aus. Hier hat die Schweiz ein Problem. Die Spieler unter 20 Jahren, die in der letzten Saison mehr als 15 Ligaspiele absolviert haben, kann man an einer Hand abzählen. 

Ihr Lösungsvorschlag? 
In Belgien haben sie nach der regulären Saison zwei Playoff-Runden. Die Ränge 1 bis 6 spielen gegeneinander und die Ränge 7-14 ebenfalls. Dieses Format erlaubt es den Trainern, mehr auf die Jugend zu setzen. Dass in Belgien vieles richtig läuft, sieht man ja in der Nationalmannschaft. 

Wobei beraten Sie ihre Spieler eigentlich neben der Wahl des richtigen Fussballklubs?
Wir beraten Sie bei allem möglichen, schauen, dass sie topfit sind. Helfen aber auch bei administrativen Angelegenheiten wie Versicherungen, Arbeitsbewilligungen, Rechtsberatung und so weiter. Das wird umso komplizierter bei Transfers ins Ausland. Da geht es dann auch um An- und Abmeldung, Wohnungssuche oder Steuern. Wir begleiten sie bei jedem Schritt und haben zusätzlich ein Büchlein erstellt, das den Spielern genau zeigt, worauf sie achten müssen.

Können Sie Ihre Spieler im Ausland überhaupt verfolgen?
Ich schaue wenn immer möglich Partien meiner Spieler live im Stadion, pro Jahr sind das etwa 200 Spiele. Deshalb fliege ich auch von Stadt zu Stadt. Die meisten Spieler wollen direkt nach der Partie noch kurz mit mir sprechen. Wenn das nicht vor Ort geht, dann per Telefon.

Eine ruhige Zeit gibt es nicht bei Ihnen?
Nein, Spielerberater ist eine Knochenarbeit. Ich hatte seit sieben Jahren keine Ferien mehr.

Wieso tun Sie sich das an?
Der Job ist meine Leidenschaft, dafür lebe ich. Wenn es meinen Spielern gut geht, geht es mir auch gut. Als GC-Spieler Nikola Sukacev (20) bei seinem Super-League-Debüt gegen die Young Boys (1:1) gleich ein herrliches Tor schoss, da sind bei mir Freudentränen runtergelaufen, weil Nikola zuvor eine schwierige Zeit hatte und ich ihm versicherte, dass die Belohnung kommt, wenn er weiter hart arbeitet.

Als ich Malenovics Büro verlasse, wartet bereits jemand in der Lounge. Es ist Neftali Manzambi, der in diesem Sommer von Baselnach Gijon gewechselt ist. Strahlend steht 21-jährige Stürmer da, die beiden begrüssen sich herzlich. Es wartet der nächste Termin auf den Spielerberater. Ich habe Feierabend. Milos Malenovic nicht.