Haben wir in dieser Saison den besten Xherdan Shaqiri gesehen?

Xherdan Shaqiri: Den besten? Das ist schwierig zu sagen. Ich habe eine sehr gute Saison hinter mir. Bin zufrieden mit meinen Leistungen. Aber der beste Xherdan? Nein, der folgt noch.

Sie haben Ihre beste Saison hinter sich – aber Ihr Verein ist abgestiegen. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin enttäuscht. Das ist normal. Aber ich brauche mir nichts vorzuwerfen, habe meine Leistungen gebracht, konnte 15 Skorerpunkte holen, davon 8 Tore. Ich habe alles fürs Team gegeben, wir haben uns mit allen Mitteln gegen den Abstieg gestemmt, ihn aber leider nicht verhindern können.

Xherdan Shaqiri nach einer enttäuschenden Saison mit Stoke City, welcher im Abstieg endete.

Erstmals in Ihrer Karriere sind Sie auf über 3000 Einsatz-Minuten gekommen. Sind Sie vor der WM müde?

Es war schon anstrengend. Die Premier League ist intensiv, wir haben keine Winterpause. Ein bisschen müde bin ich. Auch mental war die Saison anstrengend, weil der Abstiegskampf einen vereinnahmt, Druck von allen Seiten entsteht. Das war nicht einfach. Aber im Hinblick auf die WM bin ich sehr zuversichtlich.

Sie haben früher häufig um Pokale gespielt, jetzt gegen den Abstieg. Wie haben Sie das verkraftet?

In der Tat, ich kenne jetzt beide Seiten. Aber das kann einen auch weiterbringen. Niemand will absteigen, klar. Aber es gibt erstens Schlimmeres im Leben, und zweitens kann man daraus lernen, muss die richtigen Schlüsse ziehen für die Zukunft.

Denken Sie jetzt an die Zukunft?

Natürlich, ja. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass ich den Klub verlassen werde.

Möchten Sie in England bleiben?

Ich denke, die Liga ist perfekt für mich. Ich würde liebend gerne in England bleiben, möchte aber nichts ausschliessen.

Wieso passen Sie nach England?

Es ist die beste Liga mit den besten Spielern. Ganz einfach.

Wie gross ist die Sehnsucht, auf die grosse Bühne zurückzukehren?

Sehr gross. Davon kannst du nie genug kriegen. Jeder will sich immer mit den Besten messen. Und die meisten Leute wissen ja, dass ich da nicht anders ticke. Auch das war ein Grund, weshalb ich mich für die Premier League entschieden habe. Und darum möchte ich nun auch den nächsten Schritt machen.

Analysieren Sie Ihre Auftritte per Video? Und ergänzen Sie die Erkenntnisse mit Video-Studium von anderen Spielern?

Ich schaue meine Videos natürlich an. Ich empfinde es als zwingend, mich selbst zu analysieren. Aber ich habe auch Leute, die mir dabei helfen. Meinen Vater rufe ich direkt nach einem Spiel besser nicht an. Er ist mein grösster Kritiker. Sogar wenn ich drei Tore mache, meint er, es hätten fünf sein können (lacht).

An sein Traumtor gegen Polen denkt Xherdan Shaqiri noch oft zurück.

Und Videos von anderen Spielern?

Auf Youtube gehen und Fussball-Videos schauen? Nein, das mache ich nicht (lacht). Oder besser gesagt nicht mehr. Mit 18 oder 20 habe auch ich das gemacht, da habe ich mir Ronaldinho zu Gemüte geführt. Aber jetzt bin ich 26 und versuche, mich selber weiterzuentwickeln. Da muss ich auf mich schauen, nicht auf andere.

Wie oft denken Sie noch an das spektakuläre Tor im EM-Achtelfinal gegen Polen?

Oft, denn viele Leute erinnern mich auch immer wieder daran (lacht). Jenes Tor werde ich nie vergessen. Das war grossartig. Und ein wichtiges Tor.

Dennoch ist die Schweiz ausgeschieden. Wie lange trauerten Sie
der verpassten Chance nach?

Nach dem Turnier dachte ich schon noch oft: «Hätten wir doch dieses Spiel gewonnen, wer weiss, wohin uns der Weg dann noch geführt hätte.» So offen wie in Frankreich war ein Tableau wohl noch nie.

Wie hat sich Ihre Rolle im Nationalteam entwickelt?

Ich bin ein erfahrener Spieler in der Nati, gehöre zu jenen mit den meisten Länderspielen, ich glaube, im Moment bin ich auch jener Spieler mit den meisten Nati-Toren. Ich bin ein Leader in dieser Mannschaft. Und ich werde das immer sein.

Was braucht es, damit Sie am Ende der WM sagen können: Das war eine erfolgreiche WM für die Schweiz?

Schwierig zu sagen. Die Eishockey-Nati hat uns schon ein bisschen Druck gemacht (lacht). Ich hoffe nur nicht, dass uns die Leute verwechseln . . . Ich hoffe, dass wir gute, tolle Auftritte zeigen. Dann haben wir die Chance, etwas zu bewegen an dieser WM. Erst einmal gilt es, die Gruppe zu überstehen – Brasilien, Serbien, Costa Rica und wir – das ist eine der schwierigsten Gruppen dieser WM!

Xherdan Shaqiri gehört zu den Leaderfiguren im Schweizer Nationalteam.

Es gibt einige Fans, die sich einen Viertelfinal sehnlichst wünschen. Und auch die Mannschaft träumte verschiedentlich schon davon. Wie denken Sie darüber?

Was soll ich sagen? Wir wollen uns weiterentwickeln, das ist das Ziel. Das ist das Naturell jedes Teams. Bis jetzt haben wir es häufig in den Achtelfinal geschafft. Wenn wir etwas Grösseres erreichen wollen, müssen wir ja in die Viertelfinals kommen. Aber eben, man darf das nicht einfach verallgemeinern. Sagen wir es so: Wenn vieles passt, können wir eine Überraschungsmannschaft des Turniers werden.

Wenn Sie Brasilien hören, woran denken Sie?

Ziemlich schnell an «Weltmeister». Das hat sich seit meiner Kindheit eingenistet. Auch wenn der letzte Titelgewinn schon eine Weile zurückliegt.

Hat Brasilien für Sie immer noch denselben Stellenwert wie früher?

Vielleicht haben sie in den vergangenen Jahren wegen des ausbleibenden Erfolgs tatsächlich etwas an Wert verloren. Aber für mich werden sie immer eine der aufregendsten Mannschaften bleiben. Und einer der grossen Favoriten auf den Titel.

1998 an der WM in Frankreich . . .

. . . da habe ich geweint, als Brasilien den Final gegen Frankreich verloren hat. Und Ronaldo musste verletzt raus. Ich habe mir zum Geburtstag ein Trikot von Ronaldo gewünscht – er blieb immer einer meiner Lieblingsspieler. Zum Glück lief es 2002 besser. Ich bin immer noch ein grosser Fan der Brasilianer. Aber ich werde bestimmt nicht weinen, wenn sie gegen die Schweiz verlieren (lacht).

Brasilien hat in seinem letzten WM-Spiel, im Halbfinal gegen Deutschland, 1:7 verloren. Fürchten Sie, dass Brasilien nun an der Schweiz Revanche nimmt?

Die werden ganz genau einen Plan haben für ihr grosses Ziel, Weltmeister zu werden. Wir müssen darauf gefasst sein, dass sie von Anfang an Vollgas geben werden und versuchen, jeden Gegner zu dominieren. Wir müssen bereit sein, dagegenzuhalten.

Antoine Griezmann und sein Frankreich gelten für Xherdan Shaqiri als heissester Titelanwärter.

Was heckt der Schlingel wieder aus? Seit Antoine Griezmann zur Hochform aufgelaufen ist, sind die gegnerischen Abwehrreihen überfordert. Foto: Imago

Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, zuerst gegen Brasilien zu spielen?

Es kann beides sein. Wenn wir gewinnen, war es ein Vorteil (lacht). Ich beginne lieber so. Ich spiele gerne gegen grosse Favoriten.

Das liegt der Schweiz ja häufig. Zum Beispiel an der WM 2014 im Achtelfinal gegen Argentinien.

Eigentlich schon. Häufig sind wir gegen Topmannschaften besser. Vielleicht ist es ja gut, dass wir so eine starke Gruppe haben. Dieses Spiel damals war vielleicht eines der besten einer Schweizer Mannschaft überhaupt. Wir werden es nie vergessen. Wie wir in der Verlängerung gar noch dominiert haben. Dann trotzdem in Rückstand geraten sind. Aber nochmals zurückkommen. Die grosse Chance zum Ausgleich von Blerim Dzemaili mit dem Pfostenschuss kurz vor Schluss. Bitter, aber irgendwie unvergesslich.

Im zweiten WM-Spiel trifft die Schweiz auf Serbien. Was verbinden Sie persönlich mit dem Land?

Ich habe mitbekommen, dass nicht wenige Leute denken, in dieser Partie sei viel Politik im Spiel. Weil einige Teamkollegen und ich aus dem Kosovo sind und es zwischen Serbien und Kosovo Krieg gab. Aber es geht hier um ein Fussballspiel. Und um nichts anderes.

Wenn Sie die WM-Gruppe anschauen: Wie gross ist die Gefahr, dass man am Anfang zu weit schaut?

Diese Gefahr ist immer da. Wenn man zu grosse Träume hat und glaubt, dass man die wirklich verwirklichen kann. Bescheiden bleiben, das ist für uns das Wichtigste.

Da ist Brasilien ja der perfekte Start.

Das ist ein super Start, ja. Da können wir zeigen, dass wir bereit sind.

Das hat man 2010 in Südafrika auch gedacht. Doch dann kam nach dem Sieg über Spanien die Ernüchterung.

Ja, aber ich glaube, wenn wir jetzt das erste Spiel gewinnen, dann kommen wir auch weiter. Das passiert uns nicht noch einmal. Wir sind erfahrener geworden.

Zum Schluss: Wer wird Weltmeister?

Ganz schwierig. Es sind immer die gleichen Favoriten: Deutschland, Frankreich, Brasilien, Spanien. Die Grossen bleiben die grossen Favoriten. Die Franzosen sind ein heisser Tipp für mich. Sie haben offensiv wie defensiv eine sehr gute Mannschaft.