Das laute Trommeln an die Werbebanden, wenn Langstreckenläufer ihre Runden drehen. Die aufgeladene Stille vor den Starts der Sprinter. Die ausgelassenen Feiern bei neuen Rekorden: Weltklasse Zürich ist seit Jahren ein stimmungsvoller Höhepunkt für die weltbesten Athleten.

Auch in diesem Jahr ist viel Prominenz anwesend: 11 Europameister, 12 Weltmeister und 9 Olympiasieger sind gemeldet. Und: Das Meeting zieht die Massen unvermindert an. Mit 25 000 Zuschauern ist das Letzigrund-Stadion auch heute Abend bei der 90. Austragung ausverkauft.

100 000 Franken pro Disziplin

Es geht in 16 Disziplinen um den Diamond-League-Final, für den sich nur die Besten der bisherigen Meetings der Serie in diesem Jahr qualifizierten. 100 000 Franken werden pro Disziplin ausbezahlt, der Schnellste erhält die Hälfte davon. In diesem Jahr bringt das starke Abschneiden der Schweizer an der EM in Berlin weitere Brisanz ins Rund des Letzigrunds.

Von den einheimischen Athleten konnten sich für heute Abend Mujinga Kambundji und Lea Sprunger direkt qualifizieren. Sechs weitere erhalten eine Wildcard im Heimmeeting. Ein Blick auf vier Schweizer Teilnehmer – und ihre unterschiedlichen Ausgangslagen.

Alex Wilson diesmal in der Rolle des Aussenseiters

Alex Wilson

Er ist der schnellste Schweizer. Und er will noch schneller werden. «Natürlich will ich die 20-Sekunden-Marke unterbieten», sagt Alex Wilson, «das will ich seit Anfang der Saison.» Heute Abend hat er im Letzigrund noch einmal die Chance dazu. Die Form des Baslers stimmt, und auch an Motivation dürfte es ihm nicht fehlen.

An der EM in Berlin holte er über 200 Meter die Bronzemedaille und stellte mit 20,04 Sekunden gleichzeitig Schweizer Rekord auf. Zudem sagt er: «Zürich hat eine schnelle Bahn und die Zuschauer sind fantastisch.» Tatsächlich dürften die Schweizer Anhänger beim Anblick Wilsons ausrasten. Der Basler «Schnurri» ist mit seinen witzigen Interviews bekannt und beliebt geworden.

«Das Publikum wird mich pushen.» Ob das aber für einen Podestplatz reicht, ist äusserst fraglich. Wilson hat sich nur dank einer Wildcard für den Final qualifiziert und gehört nicht zu den Favoriten.

Den Sieg machen wohl der amerikanische Überflieger Noah Lyles und Europameister Ramil Guliyev unter sich aus. Lyles ist mit 19,65 Sekunden derzeit der schnellste Mann über 200 Meter. Allerdings hat Guliyev an der EM seine Zeit auf 19,76 Sekunden gesenkt.

Mujinga Kambundji steht vor den Tagen der Wahrheit

Mujinga Kambundji

Sie steht ja nicht ohne Grund im Ruf, der Sonnenschein der Nation zu sein, und Mujinga Kambundji (26) versprüht auch in Zürich ihren Charme, obwohl sie schwierige Wochen hinter sich hat.

Zwar ist sie im Juli über die 100 Meter erstmals unter 11 Sekunden (10,95) geblieben, bei der Europameisterschaft in Berlin belegte sie aber sowohl über 100 Meter, über 200 Meter als auch mit der 4×100-Meter-Staffel jeweils Rang vier. Die Bernerin gibt zu, dass es ihr derzeit schwerfällt, Motivation fürs Training zu finden.

«Es stinkt mir manchmal», sagte sie jüngst zur «NZZ». Dass die Vorfreude auf das Heimrennen nicht ungetrübt ist, liegt aber nicht nur daran, dass Kambundji bisher nie über einen sechsten Rang hinauskam, sondern auch daran, dass sie die Weichen für die Zukunft stellen will.

Zwar trainiert sie seit April nach Plänen des Amerikaners Rana Reider wieder in Bern und schwärmt von ihm. Doch Reider schickt ihr die Pläne zu. Er kennt Kambundji, ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht. Diese wünscht sich aber mehr Stabilität. Deswegen will sie nun das Gespräch mit Reider suchen, der auf der Lohnliste von Europameisterin Schippers steht. Die Zeichen stehen also eher auf Abschied.

Lea Sprunger, Paradoxon mit der Qual der Wahl

Lea Sprunger

Anders als Mujinga Kambundji erfüllte sich Lea Sprunger in Berlin den Traum von einer EM-Medaille. Mehr noch: Sie holte als erste Schweizer Leichtathletin Gold. Doch in Zürich ist die Romande trotz des Heimpublikums nur eine von vielen: Fünf der acht Starterinnen sind die 400 Meter Hürden schon schneller gelaufen als die Spätberufene.

Erst vor drei Jahren wechselte Sprunger auf die Hürden. Zuvor war sie lange auch über die 400 Meter flach und über 200 Meter gestartet. Paradox: In beiden Disziplinen hält sie den Schweizer Rekord, noch vor Kambundji. Doch die 54,29 über die 400 Meter Hürden, mit denen sie EM-Gold holte, sind kein Schweizer Rekord. Den hält seit 27 Jahren in 52,25 Anita Protti. Sprunger sagt: «Ich weiss, dass ich das in den Beinen habe. Vielleicht nicht in Zürich, weil ich am Ende der Saison die Müdigkeit spüre. Aber irgendwann hole ich mir diesen Rekord.»

Wie viel Luft die 1,83 Meter grosse Athletin über die 400 Meter Hürden wohl noch hat, zeigt auch die Antwort auf die Frage nach ihren Schwächen: «Die Technik. Es ist traurig, aber wahr: Ich kann nicht Hürden laufen.» Und doch gehört die 28-Jährige in dieser Disziplin nach nur drei Jahren bereits zu den Weltbesten.

Selina Büchel und die Suche nach der Form

Selina Büchel

An der EM in Berlin hat die Schweiz mitgelitten mit Selina Büchel. Im Final lief sie ein mutiges Rennen, bog als Erste in die Zielgerade ein – wurde dann zurückgereicht. Eine Zeit von 2:02,05 Minuten war es am Ende, die ukrainische Siegerin Nataliya Pryshchepa lief mit 2:00,38 ins Ziel.

Aus der Sicht Büchels besonders ärgerlich: Im EM-Halbfinal war sie an dieser Siegerzeit nahe dran. Und ihre Bestzeit aus 2015 lautet 1:57,95. Dieser Leistung rennt sie seit drei Jahren hinterher, verbesserte ihr Training, setzte voll auf die Karte Sport. Atmungsprobleme im Sommer warfen sie abermals zurück. Für das neun Frauen grosse Starterfeld hat sie eine Wild Card erhalten, alle Konkurrentinnen liefen in diesem Jahr schneller als sie.

Dennoch ist der Auftritt bei Weltklasse Zürich für die 27-Jährige ein wichtiger Gradmesser zum Saisonende. In Büchels Disziplin sahnt eine andere die Preise ab: Caster Semenya. Die Südamerikanerin steht derzeit im Fokus der Leichtathletikwelt, da sie an Hyperandrogenismus leidet – ihr Körper also zu viel Testosteron produziert. Der Internationale Leichtathletikverband will ab November 2018 einen Testosteron-Grenzwert für Frauen einführen.