Arnold von Winkelried gilt in der Schweizer Mythologie als Inbegriff des mutigen Helden. Er stürzte sich der Legende nach 1386 in der Schlacht von Sempach in ein Bündel gegnerischer Lanzen. Mit seiner Tapferkeit setzte er ein Zeichen und ebnete den kleinen Eidgenossen den Weg zum Sieg gegen die grossen Habsburger.

Was um Himmels Willen hat Winkelried mit der Schweizer Leichtathletik zu tun? Nun gut. Die Schweizer beenden die Europameisterschaften in Berlin mit vier Medaillen. Das ist eine weniger als 2016 in Amsterdam. Auf den ersten Blick Stagnation und damit nicht geeignet, um als grosser Sieg auf dem Spielfeld durchzugehen. Optimisten hatten im Vorfeld mit einer neuen Rekordzahl von Medaillen geliebäugelt.

Diese Betrachtung ist nur die halbe Wahrheit. Der Schweizer Auftritt in Berlin war nichts anderes als ein weiterer grosser Schritt vorwärts. Er darf gar als der Mutigste in der Geschichte der Leichtathletik bezeichnet werden. Die Athletinnen und Athleten brachen eine Lanze für zukünftige Vorstellungen der vielen aufstrebenden Talente auf der internationalen Bühne. Womit wir wieder bei Winkelried wären.

Eine Medaille zu gewinnen, braucht neben Talent und Können immer auch eine gehörige Portion Wettkampfglück. Ein Beispiel: Mujinga Kambundji läuft über 100 Meter zwei Zehntelsekunden schneller als beim Gewinn von Bronze vor zwei Jahren.

Die Belohnung für diese massive Steigerung bleibt aus. Profitierten die Schweizer Athleten in Amsterdam noch von der Tatsache, dass einige Spitzenleute im Olympiajahr nicht auf die EM setzten, so war Europas Elite in Berlin fast lückenlos vertreten.

Edelmetall ist nicht mehr nur ein stiller Traum

Mujinga Kambundji ist eines von vielen Beispielen, wieso der winkelriedsche Mut perfekt als Sujet zum Schweizer EM-Team passt, obwohl sie selber am Schluss mit drei vierten Rängen so etwas wie die tragische Figur im Team war. Es gibt zum Schweizer Mut zwei Beobachtungen. Nie zuvor formulierten so viele Athleten ihre Ziele derart offensiv. Kambundji sprach ebenso vom Titel wie unsere Hürdenkönigin Léa Sprunger (die ihn dann auch holte).

Steepleläuferin Fabienne Schlumpf wollte genauso auf das Podest wie Sprinter Alex Wilson, Langestreckenläufer Julien Wanders, die Sprintstaffel und die Marathonläufer. Wer Angst vor Misserfolg und Schadenfreude hat, der behält seine Ambitionen in der Regel für sich. Doch Edelmetall ist nicht mehr nur ein stiller Traum, es ist ein Ziel. Eines, zu dem man selbstbewusst steht.

Auch die Debütanten begnügten sich nicht damit, Erfahrungen zu sammeln. Die Jahrzehnttalente Delia Sclabas und Jason Joseph sprachen in einer Selbstverständlichkeit vom Finalziel, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt. Sie schafften ihre eigene Vorgabe heute noch nicht. Aber morgen wird es der Fall sein. Und weitere werden dem Beispiel folgen.

Grosse Worte sind das eine, die entsprechenden Taten das andere. Damit zum zweiten Merkmal der mutigen Schweizer EM-Delegation. Haben Sie an einem Grossanlass der Leichtathletik je so viele Leibchen mit dem weissen Kreuz auf der Brust an vorderster Front erblickt?

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Mittelstreckenläufer Jan Hochstrasser rannte dem Feld voraus, Fabienne Schlumpf tat es gleich zweimal beeindruckend und Julien Wanders über 5000 und 10 000 Meter ebenso. Im Marathon sah man Martina Strähl und Tadesse Abraham als Tempomacher ganz vorne im Feld. Man traut sich etwas im Lager der Eidgenossen. Hier läuft man in der ersten Reihe.

Wer betrügt, wird meist erst Jahre später erwischt

Der Auftritt in Berlin verdient Applaus, er reicht aber nicht aus, um selbstzufrieden die Korken knallen zu lassen.

Es gab Defizite im Schweizer Team. Was ist mit den technischen Disziplinen? Wieso vermögen sich andere Athleten auf den Grossanlass hin mehr zu steigern als die Schweizer? Wobei die zweite Fragestellung mit einem gewissen Grad an Stirnrunzeln einhergeht.

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Dass ein 17-jähriges Talent wie Jakob Ingebrigtsen über die Mittelstrecken gleich zweimal bereits so viel schneller ist als der Rest von Europa, verblüfft. Dass die weissrussischen Marathonläuferinnen zu dritt auf den ersten fünf Positionen landen, lässt Zweifel aufkommen. Erst recht im Kontext, dass der internationale Leichtathletik-Verband Weissrussland auf einer Liste von Nationen mit einem gröberen Dopingproblem aufführt.

In den Finals von Berlin waren diverse Sportler am Start, die vor der EM nie im Training getestet wurden. Wobei dies – entschuldigen Sie den Zynismus in dieser Angelegenheit – gar keine Rolle spielt. Wer betrügt, wird in der Regel ohnehin erst bei der Nachanalyse in zehn Jahren erwischt. Wenn überhaupt. Hauptsache, Winkelried ist sauber.