Florian Vogel sprach davon, dass er einen Tinnitus im Ohr hat. Matthias Flückiger fuhr gleich mit Ohropax. Ja, es war unglaublich laut während des Cross-Country-Rennens der Männer an der WM in Lenzerheide.

24 000 Zuschauer standen am 4 Kilometer langen Rundkurs Spalier und bildeten damit eine Kulisse, die selbst die Athleten sprach- und mit der Zeit eben fast gehörlos machten. Der gebürtige Aargauer Vogel (36), der seine 20. WM bestritt, hatte in seiner langen Karriere noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Die Atmosphäre war gigantisch, das ganze Wettkampfgelände glich einem Hexenkessel.

Nur einer blieb seelenruhig in diesem Dampfkochtopf der Emotionen: Nino Schurter. Der Lokalmatador aus dem 20 Minuten entfernten Tersnaus, auf dem quasi der ganze Erwartungs- und Erfolgsdruck lastete, erledigte seinen Job, als wäre es reine Routine.

Wie auf Schienen

Gut: Wer schon sechsmal Weltmeister war und dazu noch Olympiasieger, den kann wahrlich nichts mehr so schnell aus der Fassung bringen. Und so fuhr der 32-jährige denn auch an diesem wunderbaren Samstag in dieser prächtigen Kulisse. Schurter war der ruhende Pol im Hexenkessel.

Überlegt, clever, routiniert – wie auf Schienen. So wirkte das, was dieser Ausnahmeathlet, der die Siegessehnsüchte fast aller Zuschauer auf sich vereinte, zeigte. Aber die Fassade täuschte ein wenig darüber hinweg, dass auch Schurter, der von sich selber sagt, dass eine seiner grössten Gaben ist, im entscheidenden Moment alles um sich herum ausblenden und sich voll auf das Wesentliche konzentrieren zu können – sehr wohl nervös werden kann.

Während des Aufwärmens kam die endgültige Erkenntnis, dass dies ein ganz spezielles Rennen sein würde. Sie waren alle eigentlich nur wegen ihm, dem aktuell besten Mountainbiker der Welt, in Scharen gekommen.

«Nino ist Nino»

Und wenn er nach geschlagener Schlacht davon sprach, dass sich die Beine nach dem Effort in der Team-Staffel vom Mittwoch (welcher auch mit der Goldmedaille belohnt wurde) müde anfühlten und er körperlich am Limit war, dann erstaunt die Performance umso mehr.

Diese Fokussierung, dieser Perfektionismus, diese Gabe, dem Gegner in keinem Moment zu zeigen, dass man leidet und mit Schwächen zu kämpfen hat. «Nino ist Nino» sagte sein grosser Konkurrent, Gerhard Kerschbaumer, nach dem WM-Rennen halb bewundernd, halb resigniert. Der Italiener hatte unglaublich viel investiert, sich zu Schurter vorgekämpft, blieb letztlich aber dennoch chancenlos.

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Wie viel dem erfolgsverwöhnten Bündner dieser Titel bedeutet, wurde nach der Zieldurchfahrt klar. Er strahlte, winkte, schrie seine Erleichterung in Richtung der jubelnden Menschenmenge hinaus und setzte zur Welle an.

Emotionen, die man von diesem oft eher reserviert und überlegt wirkenden Athleten selten sieht. Die Erleichterung war greifbar und ebenso der Stolz, den Leuten, die zu Tausenden in dieses wunderbare Hochtal oberhalb von Chur gepilgert waren, die erhoffte Show geboten zu haben.

Töchterchen Lisa (3) durfte erstmals hautnah miterleben, wenn der eigene Papi triumphiert und gefeiert wird. Die Goldmedaille, die er ihr auf der Ehrenbühne um den Hals hängte, wollte sie trotzdem nicht behalten und gab sie nach kurzer Betrachtung zurück. Als ob sie sich bewusst war: Dieser Moment gehört meinem Vater.