4:6, 0:3 liegt Nick Kyrgios (22) in der zweiten Runde der US Open gegen den Franzosen Pierre-Hugues Herbert bereits hinten, als Schiedsrichter Mohamed Lahyani, der sich in der Rolle des Unterhalters gefällt, eine folgenschwere Entscheidung trifft: Er verlässt seinen Stuhl und redet vehement auf den apathisch wirkenden Kyrgios ein, der den Monolog wortlos über sich ergehen lässt. Lahyani sagt zum Australier: «Ich will Dir helfen. Ich weiss, das bist nicht Du.»

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Hätte Kyrgios die Partie danach nicht in vier Sätzen gewonnen, die Szene wäre eine gewesen, über die geschmunzelt worden wäre und die man als Skurrilität abgetan hätte. Doch nun wird sie zum Politikum. Der Oberschiedsrichter sah sich dazu veranlasst, Lahyanis Aktion im Nachgang zu rechtfertigen. Dieser den Stuhl des Lärms wegen verlassen, um sicherzustellen, dass Kyrgios die Botschaft verstehe, die Lahyani habe: Er solle sich behandeln lassen, wenn er sich unwohl fühle.

«Verkauft uns nicht für dumm!»

Später äussert sich auch Pierre-Hugues Herbert zum Vorfall. Er habe sich zwar nicht persönlich beeinflusst gefühlt, doch Kyrgios' Verhalten habe sich danach komplett verändert, «und er hat mich dominiert.» Kyrgios treffe keine Schuld. «Aber ich bin wütend über die USTA, die uns für dumm verkauft, wenn sie behauptet, der Schiedsrichter habe seine Kompetenzen nicht überschritten.» Fehler seien menschlich, aber erwarte harte Sanktionen gegen Lahyani.

Wie auch Roger Federer. Nach der Szene befragt, folgt dieser Dialog.

Frage: Hoffen Sie, dass der Schiedsrichter im Spiel gegen Sie nicht vom Stuhl kommt, wenn Kyrgios nicht versucht, sein bestes Tennis zu spielen?

Federer: Das wird nicht passieren.

Wie meinen Sie das?

Glauben Sie, es wird noch einmal passieren?

Ich frage Sie.

Ich frage zurück: Glauben Sie, dass es passieren wird?

Ich denke nicht, nein.

Eben (lächelt).

Haben Sie meine Frage verstanden?

Das habe ich. Haben Sie meine Antwort verstanden? Es wird nicht zwei Mal passieren.

Später führt Federer konkreter aus, was er über den Zwischenfall denkt. Er verstehe, dass der Schiedsrichter eingegriffen habe. «Ich bin froh, dass es Mohamed passiert ist, denn er ist einer der besten Schiedsrichter, die wir auf der Tour haben.» Er habe Kyrgios wohl gesagt, er solle sich zusammenreissen, sonst werde er verwarnt. «Aber ich bin der Meinung, dass das nicht seine Aufgabe ist.» Dass er Kyrgios in die Verwarnung habe reinlaufen lassen sollen.

Trotz der deutlichen Worte bemühte sich Federer auch, Haltung zu bewahren. «Es bringt nichts, darüber zu reden. Es ist Schnee von gestern. Mir ist es egal, weil ich weiss, dass es nicht noch einmal passieren wird.» Die ITF werde den Fall anschauen und der Schiedsrichter wissen, was er dürfe und was nicht. «Ich möchte nicht Öl ins Feuer giessen.» Und er sagte dann auch noch, dass Kyrgios gegen ihn mit Sicherheit motivierter sein werde als noch gegen Herbert.

Roger Federer denkt nicht an einen Rücktritt im nächsten Jahr

Federer an der Medienkonferenz nach seinem Startspiel bei den US Open gegen Yoshihito Nishioka. (29.8.2018)

Kyrgios als erster Gradmesser für Federer

Nick Kyrgios, braun gebrannt, kunstvoll frisiert, mit glitzerndem Stecker im Ohr, gilt als einer der talentiertesten Spieler der letzten Jahre. Steht er auf dem Platz, ist Spektakel garantiert. Drei Mal spielten Federer und er gegeneinander, immer ging es über die volle Distanz, acht der neun Sitze wurden erst im Tiebreak entschieden. Nach dem Halbfinal-Sieg in Stuttgart im Sommer führt Federer die Direktbilanz mit 2:1 an. Bei einem Grand-Slam-Turnier ist es das erste Duell.

Es ist kaum davon auszugehen, dass der Schiedsrichter Mohamed Lahyani heissen wird. Doch für Spektakel dürfte gleichwohl gesorgt sein. Kyrgios gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Mal stellt er seine Unlust aufreizend zur Schau. Mal lässt er sich auf verbale Scharmützel mit Gegnern, Schiedsrichter, ja sogar Zuschauern ein. Dass ging zuweilen so weit, dass John McEnroe, selbst kein Kind von Traurigkeit, Kyrgios als «blaues Auge» des Tennis bezeichnete.

Jüngst vergass der Australier, der regelmässig damit kokettiert, er habe keine Freude am Tennis und würde lieber Basketball spielen, seine Schuhe und musste deswegen zurück in die Kabine. Und gegen die Kleiderordnung in Wimbledon, die ein «überwiegend weisses» Tenu vorschreibt, rebellierte er, in dem er ein farbiges Stirnband trug, das er im Fanshop erstanden hatte. Kurzum: Steht Nick Kyrgios auf dem Platz, ist Spektakel garantiert. Gegen Federer sowieso.

Alle 20 Grand-Slam-Titel von Roger Federer: