Das Springreiten hebt sich, gemessen an der Bedeutung im Spitzensport, klar von den anderen zwei olympischen Disziplinen Dressur und Concours Complet ab. Die Pferdesport-Liebhaber finden diese Unterscheidung allerdings weniger wichtig als die Sportinteressierten. Zumal für fachkundige "Rösseler" auch in der Endurance, im Reining (Westernreiten), im Fahren, im Voltige oder bei der Para-Equestrian Dressage Pferdesport auf höchstem Niveau geboten wird.

Die Schweiz ist an den World Equestrian Games (WEG) - so lautet der offizielle Name für die an einem Ort gebündelten Weltmeisterschaften - in sechs der acht Sparten vertreten; im Reining und in der Para-Equestrian Dressage verzichtete der nationale Verband SVPS auf eine Selektion.

Die Schweizer Delegation umfasst rund 100 Personen und 26 Pferde, drei Medaillen sind budgetiert. Zu den Anwärtern auf Edelmetall zählen im Voltige das Team Lütisburg, Nadja Büttiker sowie die Schweiz im neu geschaffenen Nationenpreis. Gleiches gilt für die Springreiter im Team-Wettkampf und im Einzel. Dem erweiterten Kreis der Medaillen-Aspiranten gehören der Viererzug-Fahrer Jérôme Voutaz und das Endurance-Team an.

Bei den sieben vorangegangenen Weltreiterspielen ist die Schweiz stets mit mindestens einem Podestplatz im Medaillensiegel aufgetaucht. Dies dürfte auch in Tryon nicht anders sein. 2018 werden in den 8 Disziplinen an 12 Wettkampftagen 29 Medaillensätze vergeben.

Tokio 2020 wirft seinen Schatten voraus

Die Schweizer Equipe der Springreiter würde eine Team-Medaille als Zugabe selbstredend gerne nehmen. Denn die primäre Zielsetzung bilden eine Top-6-Klassierung und die damit verbundene vorzeitige Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Der Equipen-Chef Andy Kistler will sich das Zittern des vergangenen Olympia-Zyklus ersparen. Nach dem schwachen Abschneiden vor vier Jahren in Caen in Frankreich geriet die Mannschaft unter Druck und musste die zweite Chance an der EM 2015 in Aachen nutzen. Nach einem denkbar schlechten Start resultierte in einem Hitchcock-Finale sogar noch Bronze - wie im August 2017 in Göteborg.

Steve Guerdat im Sattel von Bianca, Martin Fuchs auf Clooney, Janika Sprunger mit Bacardi und Werner Muff auf dem Rücken von Daimler werden erst in einer Woche ins Geschehen eingreifen. Mit einer Medaille würde das Quartett die klägliche Bilanz an Weltmeisterschaften aufbessern. Bei Olympischen Spielen oder Europameisterschaften sind die Springreiter nahezu ein Medaillengarant, bei Weltmeisterschaften hingegen fällt die Ausbeute mickrig aus. Lediglich eine Medaille seit der WM-Premiere 1953 lässt sich im Palmarès finden, nämlich Team-Bronze 1994 in Den Haag.

In der zweiten Woche steht auch das aus Schweizer Sicht medaillenträchtige Voltige im Programm. Hinzu kommen Fahren und Para-Equestrian Dressage. Zu Beginn der Spiele werden im Concours Complet, der Dressur, in der Endurance und im Reining die Medaillensätze vergeben.

Tryon sprang ein

Tryon sprang kurzfristig als Organisator der 8. Weltreiterspiele ein. Ursprünglich wurde der Grossanlass nach Bromont in Kanada vergeben, wo 1976 die Pferde-Wettkämpfe der Olympischen Spielen von Montreal stattfanden und die Dressurreiterin Christine Stückelberger mit Granat zu Gold und mit der Equipe zu Silber ritt. Doch Bromont warf das Handtuch, weil die Organisatoren das Budget von umgerechnet 77 Millionen Schweizer Franken nicht stemmen konnten - unter anderem, weil die politische Behörde nach der Vergabe durch den Weltverband FEI einem Millionen-Beitrag des Staates nicht zustimmte.

Finanzielle Sorgen kennt das TIEC, das "Tryon International Equestrian Center", nicht. Mark Bellissimo ist Gründer und Mehrheitsaktionär von mehreren der grössten Reitsportzentren der USA. Das TIEC erstreckt sich über die Fläche von sieben Quadratkilometern im Nirgendwo. Die nächstgrösste Stadt heisst Spartanburg, zählt rund 40'000 Einwohner und liegt rund drei Viertel Autostunden entfernt.